2. Oktober 2019 Hans-Raimund Kinkel

Von Hallig Hooge zum Japsand im Winter

„Einmal richtig raus kommen“, sagt er, „..das kann man hier auf Hooge im Winter wirklich.“ Zum Beispiel bei einer Wanderung zum Japsand; auch das sei ein Grund, warum manche Gäste extra kommen. Wegen der Muße und Ruhe, die Gruppen sind kleiner, es bleibt mehr Zeit für die individuellen Bedürfnisse, es geht noch einen Takt gemütlicher. Erst recht hier am Ende der Welt, wohin schon die Anfahrt mit der kleinen Fähre durch die große Stille des Wattenmeeres ein Erlebnis ist und der Aufenthalt auf der Hallig selbst ein Garant fürs Runterkommen.

Nach rund anderthalb Stunden hat die kleine Gruppe den Japsand erreicht. Eine helle, blanke Sandfläche. Wie leergefegt und so rein wie am ersten Tage der Erschaffung. Rings herum nur Wasser, nur Watt und dieses phantastische, beruhigende Blau und Grau. Der Blick verliert sich ohne Halt im Nirgendwo. Absolute Einsamkeit und ein seltsam tiefer Frieden.

„Im Winter wird der Japsand häufiger überflutet als im Sommer, deshalb sind auch die Primärdünen viel flacher. An diesen Dünen bildet sich übrigens der erste Bewuchs auf einem solchen Außensand, oder Hochsand, wie diese Gebilde, wie der Japsand, genannt werden. Sie sind zwar noch keine Insel, aber doch schon mehr als eine gewöhnliche Sandbank“, erklärt Klisch. Ein kalter Wind weht auf dem Rückweg ins Gesicht; Ostwind, das heißt auch Kälte an der Küste.

Den Wattwanderer umgibt eine eigenartige, doch wohlgefällige Stimmung. Liegt Eis im Watt und hört man genau hin, wird man an den Prielen ein sachtes, leises Scharren und Knistern hören; dann, wenn die Strömung die Schollen schiebt und das Eis aneinander reibt. Hooge kommt näher und empfängt den Wanderer auf seinem Weg von Irgendwo nach Nirgendwo. Als die Kante erreicht wird, wehen die sehnsuchtsvollen, klagenden Rufe der Brachvögel durch die Einsamkeit und unterstreichen dieses schaurig-schöne Gefühl der Verlorenheit. „Den Brachvogel, ein streng geschützter, eigentlich selten gewordener Vogel, sehen wir in den vergangenen Jahren hier auf Hooge immer häufiger“, sagt Klisch. Noch ein Wintergast, der die einsame Halligwelt entdeckt hat.

Wattwanderer auf dem Weg zum Japsand © www.schutzstation-wattenmeer.de

Graugänse fliegen in der typischen Formation und mit dem seltsam klagenden Rufen über dem Wattenmeer, auf der Hallig selbst, so Klisch, überwintern im Schnitt hundert Brandenten. Und von dieser Art gibt es mehr Vertreter als nur die vom Stadtparkteich: Zu den seltenen Wintergästen auf Hooge gehört zum Beispiel die Schellente, ein schöner, schwarz-weiß gemusterter Vogel, oder die, noch hübscher und regelrecht farbenfroh, Pfeifente. Und noch jemand hat sein Winterrefugium auf den Halligen gefunden: Michael Klisch blickt durch das Fernglas, sucht dann die Wiesen mit dem Spektiv ab, konzentrierte Ruhe während er die Optik mit der starken Vergrößerung über die Landschaft schwenkt. „Komm mal mit!“

Zu sehen ist nichts, zu hören auch nichts außer dem ewigen Wind und vereinzelten, verwehten Möwenschreien. Und nun sitzt da ein kleiner, rundlicher Vogel, unscheinbar – und er tut nichts. Flüchtet nicht, schert sich nicht um die beiden Menschen, die ein paar Meter entfernt stehen bleiben. „Das ist ein Meerstrandläufer“, erklärt Klisch, „er kommt aus Norwegen und noch nördlicheren Gefilden.“

Merkwürdig: „Dieser Vogel hat keine Fluchtdistanz, er flieht nicht, fliegt nicht auf, wenn wir uns nähern“, sagt Michael Klisch, „…den kannst Du gut mit bloßem Auge beobachten. Aber wollen wir ihn nicht unnötig stören und gehen nicht näher heran.“ Dieser Vogel hat im Winter auf den Halligen etwas gefunden, das ihm sehr wichtig ist. Er hat auf der Hallig Ruhe gefunden.

Die frühe Dämmerung schiebt sich über das Himmelsgewölbe, erste Sterne beginnen zu blinken – die Venus zum Beispiel, heller als alle anderen, und heute als Abendstern. Später der Polarstern, noch später dann Sirius. Überhaupt die Sterne: der Blick auf nächtliche Firmament ist phantastisch. Abseits der Lichtverschmutzung leuchten die Sterne hier besonders prachtvoll.

www.schutzstation-wattenmeer.de/unsere-stationen/hooge; Startfoto: Hallig Hooge im Winter © www.schutzstation-wattenmeer.de

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