15. September 2020 Hans-Raimund Kinkel

Umweltfreundlich Per pedes durch Occitanie

Füße sind das natürlichste und umweltfreundlichste Fortbewegungsmittel des Menschen. Wer gemächlich einen Fuß vor den anderen setzt, hat Muße die Landschaft zu genießen, die Natur zu beobachten und Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Beim Marschieren ist Gelegenheit zum Plausch mit anderen Wanderern und für Begegnungen mit den Bewohnern des Landes. Wenn im Spätsommer die Sonne milder strahlt kommt die richtige Zeit für Wandertouren. In der Region Occitanie führen zahlreiche Fernwanderwege (GR – Chemin de Grande Randonnée) durch großartige Landstriche mit erhaltener Natur. Ob bei einer anspruchsvollen Pyrenäendurchquerung, einer Tour auf den Spuren von Katharern, Tempelrittern und Jakobspilgern oder dem Lauf der Garonne folgend, in Occitanie wird jeder Wandertag auch auf kürzeren Teilstrecken zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Larzac_©_Patrice_Thebault_-_CRT_Occitanie_

Soweit die Füße tragen in den Pyrenäen
Auf dem legendären Fernwanderweg GR®10 lässt sich die Pyrenäenkette vom Atlantik bis zum Mittelmeer durchqueren. In Occitanie verläuft die insgesamt 850 km lange und durchgehend rot-weiß gekennzeichnete Wanderstrecke auf 675 km zwischen Arrens-Marsous und Banyuls am Mittelmeer. In den Zentralpyrenäen marschieren Wanderer über den höchsten Pass, dem 2734 hohen Hourquette d‘Ossoue. Im Departement Hautes-Pyrénées durchquert der GR®10 den Pyrenäen-Nationalpark mit dem grandiosen Gipfel des Vignemale (3 298 m) und dem spektakulären Felskessel von Gavarnie, ein UNESCO-Welterbe. Dort begann mit der Erstbesteigung des Mont-Perdu 1802 die Geschichte des Bergsteigens in den Pyrenäen. Ab Melles, ein typisches Bergdorf im Departement Haute-Garonne, geht es durch schöne Landstriche mit Heide, Almen und Hakenkiefern über denen Bartgeier kreisen. In der Ariège streift der Fernwanderweg den geschichtsträchtigen Mont Valier über den im zweiten Weltkrieg ein Fluchtweg nach Spanien führte. Vorbei am Canigou-Massiv werden dann die Strände des Mittelmeeres erreicht. Wanderer übernachten nach Wahl in Berghütten oder im bequemen Hotelbett in einem der zahlreichen Thermalbadeorte. Von Tal zu Tal wird ein jeweils anderes Brauchtum gepflegt und auf jedem Kilometer bietet sich eine andere herrliche Aussicht auf majestätische Gipfel.

Zurück in die Vergangenheit

Peyrepertuse_©_G._Deschamps_-_CRT_Occitanie

Der 250 km lange „Sentier Cathares“ ist der wohl sympbolträchtigste Wanderweg der Region. Von den Ausläufern der Pyrenäen bis zum Mittelmeer erinnert jeder Schritt an die bewegte Geschichte des historischen Okzitaniens. Entlang dieses Fernwanderweges GR®367 reihen sich die Fluchtburgen der Katharer auf schwindelerregenden Bergstöcken der Corbières. Die beeindruckenden Mauern von Aguilar, Queribus, Peyrepertus, Puylaurens oder Roquefixade waren Schauplätze der Kreuzzüge gegen die Katharerbewegung. In Puivert überragt eine eher heiter wirkende Burg das gleichnamige Dorf mit dem Museum des Quercorb. Nach dem Fall der letzten Festung Montségur fiel das mächtige Reich der Grafen von Toulouse an das Königreich Frankreich. Neben geschichtsträchtigen Burgen begeistern bei dieser Tour wildromantische Landstriche wie die spektakuläre Galamus-Schlucht, wo die Einsiedelei Saint-Antoine aus dem 14. Jh. hoch über der Agly in den Felsen gebaut wurde. Der Aufstieg auf den geheimnisumwobenen Pech de Bugarach gehört für viele Wanderer zum Must dieser Tour. Wenn sich der weithin sichtbare Mont Tauch wie ein Tafelberg über den Weinlagen erhebt, verraten sanftere Landstriche, jetzt ist das Mittelmeer nicht mehr fern.

Eine Ausrede zum Reisen

St-Sernin_@_Patrice_THEBAULT_-_CRT_Occitanie

Im Mittelalter war das Pilgern oft der einzige Grund eine Reise anzutreten. Das Grab des Heiligen Jakobus lieferte für viele Gläubige ein passendes Argument um sich auf den Weg ins ferne Santiago zu begeben. Die Jakobswege wurden ab dem Mittelalter zu einer der bedeutendsten Pilgerbewegung, die auch den kulturellen Austausch und Handel förderte. Die aus Arles kommende Via Tolosana, heute der GR®653, gilt als die älteste Jakobsroute durch Südwestfrankreich. Sie führt auf 800 km durch die Departements Gard, Hérault, Tarn, Haute-Garonne, Gers, und Hautes-Pyrénées in der Region Occitanie bevor sie am Pass von Somport auf den spanischen Pilgerpfad trifft. Die Jakobswege wurden aufgrund herausragender Sehenswürdigkeiten ins UNESCO-Weltwerbe aufgenommen, darunter die Abteikirchen von St-Gilles und St-Guilhem-le-Désert, die Basilika Saint Sernin in Toulouse oder die Kathedrale von Auch. Eine der schönsten Teilstrecken verläuft von der Hérault-Schlucht bei Saint-Guilhem über die stillen Anhöhen der Monts de Lacaune nach Sorrèze mit der einstigen Abtei-Schule. Die Motivation auf den Spuren der Jakobspilger zu wandern ist mittlerweile ungleich vielfältiger und Gründe dafür gibt es mehr als genug. Auf der heute im Vergleich zu anderen Jakobsrouten weniger frequentierten Via Tolosana finden Wanderer eine große Auswahl an angemessenen Unterkünften.

Dem Fluss folgend

Saint_Bertrand_de_Comminges_©_D._Viet_-_CRT_Occitanie

Ab der Basilika Saint Sernin in Toulouse bietet die Via Garona eine reizvolle Variante der Jakobswege. Die als GR® 861 gekennzeichnete Strecke folgt der Garonne auf 170 km bis Saint-Bertrand-de-Comminges. Dem natürlichen Flusslauf zu folgen erleichterte es früheren Pilgern den Weg zu finden, heutigen Wanderern hilft die rot-weiße Kennzeichnung der Fernwanderwege. Nach Muret, wo dem Flugzeugpionier Clément Ader ein Museum gewidmet wurde, reihen sich Sehenswürdigkeiten, die alle eine Besichtigung wert sind. Mal ist es die romanische Kapelle Saint Amans inmitten von Sonnenblumen, die Wehrkirche Sainte-Marie in Rieux-Volvestre oder das Museumsdorf „Village Gaulois“, das in die Welt von Asterix versetzt. In Cazères bietet sich Gelegenheit zu einer wassersportlichen Pause und in den Fayencen-Ateliers von Martres-Tolosane lassen sich die Meister über die Schulter schauen. Die Stiftskirche von Saint-Gaudens lohnt ebenfalls einen Blick bevor die majestätische Kathedrale Sainte-Marie in Saint-Bertrand-de-Comminges, ein „Grand Site Midi-Pyrénées“, schon von Weitem das Ende der Via Garona verheißt. Das prächtige Chorgestühl und die mächtige Orgel aus dem 16. Jahrhundert gehören zu den sehenswerten Höhepunkten dieser für jedes Niveau geeigneten Wanderung.

Einmal hin und zurück ins Mittelalter

Paysage_du_Larzac_©_T._Lambelin

Den Tempelrittern ist im 12. Jh. eine aufblühende Wirtschaft auf der Karsthochfläche des Larzac zu verdanken. Die Soldatenmönche förderten Viehzucht und Landwirtschaft, um die Kreuzritter im Heiligen Land mit Nachschub zu versorgen. Der 83 km lange Fernwanderweg GR® 71C beginnt und endet im noch immer bestens erhaltenen Dorf La Couvertoirade, wo sich die Häuser hinter einer mächtigen Wehrmauer ducken. Wanderer marschieren bei dieser Tour durch 600 Jahre Geschichte durch die Karstgebiete des Regionalen Naturparks Grands Causses, der aufgrund der überlieferten Weidewirtschaft zum UNESCO-Welterbe gehört. Flache, gemauerte Becken, genannt „Lavogne“, ermöglichten die Schafherden auf den kargen Weideflächen zu tränken. Eigenwillige Felsformationen und eine reiche Flora säumen die Strecken über steppenartige Gebiete zu Festungsorten der Tempelritter wie Hospitalet-du-Larzac. Die mächtige Kommandantur Sainte-Eulalie-de-Cernon, die später vom Hospitaliter-Orden übernommen wurde, zeugt noch heute vom Reichtum der Soldatenmönche. Dörfer entführen mit ihren engen Gassen, Fachwerk und wehrhaften Mauern direkt ins Mittelalter. Der Fernwanderweg GR® 71D ermöglicht die Rundwanderung mit der 112 km langen „Tour du Larzac“ zu verlängern und weitere wehrhafte Dörfer der Tempelritter wie Viala du Pas de Jaux oder St. Jean d’Alcas zu entdecken.

Startfoto: Wanderung_Massif_de_Vignemale_©_David_MARRET