22. April 2022 Hans-Raimund Kinkel

Übernachten, wo einst der König schlief

Wer auf der Suche nach ungewöhnlichen, mitunter skurrilen Herbergen ist, der wird auf der Kanalinsel Jersey fündig. Dank einer über die Jahrhunderte hinweg bewegten Historie, einem tief verwurzelten Geschichtsbewusstsein der Inselbewohner sowie deren ausgeprägtem Pragmatismus kann man auf Jersey sein Haupt an Orten betten, die anderswo ausschließlich musealen Zwecken dienen würden.

Elisabeth Castle

Foto: Visit Jersey

So zum Beispiel im mächtigen Elizabeth Castle, das auf einer Gezeiteninsel rund anderthalb Kilometer vor der Hauptstadt St. Helier im Meer liegt. In der ab dem 16. Jahrhundert erbauten Festung verbrachte der spätere König Charles II während seiner durch den Englischen Bürgerkrieg ausgelösten Flucht nach Frankreich den Sommer 1646.

In heutiger Zeit kann dort nun von April bis Oktober in royaler Umgebung übernachtet werden. Das Castle Appartement bietet maximal sechs Personen und damit auch Familien reichlich Platz. Insbesondere für Kinder ist der Aufenthalt auf dem 24 Hektar großen Burggelände ein echtes Abenteuer: in Türme und Bunker klettern, bei Ebbe am Privatstrand des Schlosses angeln oder die Einsiedelei des Heiligen Helier entdecken, der hier um 550 gelebt haben soll und der Hauptstadt von Jersey ihren Namen gab.

Abends entfaltet Elizabeth Castle dann seinen ganz besonderen Reiz. Wenn sich um 17 Uhr die Tore für die anderen Besucher schließen, gehört die Feste den Übernachtungsgästen (fast) ganz allein. Und vielleicht begegnet denen um Mitternacht ja seine Königliche Hoheit als Geist.

Fisherman’s Cottage

Kein Spuk ist dagegen im Fisherman’s Cottage zu erwarten, das die Bucht von La Greve d’Azette in St. Helier überblickt. Gleichwohl atmet auch dieser Standort Geschichte. Erste Spuren einer Bebauung verweisen auf die Mitte des 18. Jahrhunderts. Seitdem wechselte die Nutzung des Gebäudes immer wieder. In seinen heutigen Zustand versetzt wurde das Cottage in den Jahren 2011 und 2012. Bei der Restaurierung kamen auch die ursprünglichen aus Schiffs-Spanten und -Planken gefertigten Holzbalken wieder zu Ehren, die den Räumen eine ganz besondere Atmosphäre verleihen.

Archirondel Tower

Foto: Visit Jersey

Davon, dass sich Jersey im Laufe seiner Geschichte immer wieder gegen Feinde erwehren musste, zeugen die zahlreichen Wehrtürme entlang seiner Küsten. Heute dienen diese zum Teil als Museum, nicht wenige werden allerdings nach entsprechenden Umbauten als Gäste-Appartements genutzt. So auch der Archirondel Tower im Osten der Insel.

1792 auf einem Felsvorsprung in der St. Catherine’s Bay errichtet, diente er als Garnison für Artilleriesoldaten und war ein wichtiger Mosaikstein im Verteidigungskonzept Jerseys. Der im Inneren geschmackvoll renovierte Turm bietet auf vier mit einer Wendeltreppe verbundenen Ebenen Platz für zwei Erwachsene und zwei Kinder. Von der Dachterrasse aus hat man einen grandiosen Blick auf die Bucht von Archirondel.

Seymour Tower

Foto: Visit Jersey

Absolutes Highlight für maximal sechs ausgemachte Abenteurer ist eine Übernachtung im Seymour Tower, der auf einem Felsen knapp zweieinhalb Kilometer vor der Südostspitze Jerseys im Meer liegt. 1792 zur Verteidigung der Küste gebaut, ist er heute ein optimaler Rückzugsort für alle, die der Hektik an Land entfliehen und inmitten maritimer Natur entspannen wollen.

Mit einem Guide geht es bei Ebbe von La Rocque aus auf kieseligem Meeresgrund durchs Watt in Richtung Tower. Die Strecke gleicht einem Lehrpfad, soviel gibt es zu sehen und zu bestaunen. Seien es die Austern, die hier in Säcken auf zahllosen Gestellen gezüchtet werden oder die unzähligen Sorten Seetang, die früher per Pferdewagen zum Düngen an Land gebracht wurden und heute auch in der experimentellen Küche Verwendung finden.

Letztere darf man im Tower nicht erwarten, denn dieser ist eher schlicht ausgestattet. Auf zwei Etagen finden sich eine Kochgelegenheit sowie der Schlafraum mit sechs Kojen. Den Strom für Beleuchtung und Kühlschrank liefert eine Solaranlage. Gekocht wird mit Gas. Als Toilette dient ein Chemie-WC.

So spartanisch die Einrichtung, so gewaltig das Erlebnis. Zweimal am Tag ist der Seymour Tower vollständig vom Meer umschlungen. Von der Dachterrasse aus bietet sich ein fantastischer Ausblick auf die anlaufende, gurgelnde Flut. Ein beeindruckendes Drohnen-Video über den Seymour Tower findet sich unter https://bit.ly/3vaTrze.

Gebucht werden können die beschriebenen sowie weitere Aufenthalte in außergewöhnlichen Unterkünften auf der Website der Jersey Heritage Organisation (https://bit.ly/3rkuLTR).

Direktflüge nach Jersey

Direktflüge auf die Insel gibt es in diesem Sommer bei Lufthansa (ab München), Eurowings (ab Düsseldorf) und Lübeck Air (ab Lübeck). Darüber hinaus finden sich bei einer Reihe von Reiseveranstaltern Charterflüge von diversen deutschen und Schweizer Airports. Zahlreiche Verbindungen mit einem Umstieg in London bieten auch British Airways sowie easyjet. Startfoto: Foto: Visit Jersey

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