Der Slogan „Bergedorf – wo in Hamburg die Sonne aufgeht“ signalisiert, dass es sich um die Region im Osten der Hansestadt dreht. Zentrum und Ausgangspunkt für interessante Radtouren ist Bergedorf, mit den Vier- und Marschlanden flächenmäßig der größte Bezirk und dadurch prädestiniert für Radtouren. Im touristischen Angebot Hamburgs sollen jetzt auch die bisher vernachlässigten Bezirke besser herausgestellt werden. Der Begriff „Berg“ im Namen kommt von „geborgen“, man muss also nicht mit echten Steigungen rechnen, wenn man hier die Region mit dem Rad entdecken will. Vor allem die Vier- und Marschlande sind „platt wie eine Flunder“ und ein tolles Radrevier.

Diese Rad-Entdeckungstour ist mit nur rund 46 km relativ kurz gehalten. Sonst würde man nicht genügend Zeit für die 3 Mühlen und 4 Museen haben. Denn je nach Interessenlage kann man sich bei den einzelnen Stopps auch länger aufhalten. Der Überblick hier kann behilflich sein, dies bei der Planung zu berücksichtigen.

Start beim Schloss-Museum in Bergedorf

Bergedorf, das erst 1938 Teil von Hamburg wurde, hat durchaus eine eigene, wechselvolle Geschichte. Im Mittelpunkt steht das Bergedorfer Schloss. Es ist das einzig erhaltene Schloss im Hamburger Stadtgebiet und liegt direkt in der Mitte des Ortskerns an der Bille. Um 1220 gründete der Graf Albrecht von Orlamünde in der Bille eine Wasserburg. Ein Wassergraben umgibt auch heute noch das Schloss, um das man ganz herumflanieren und auch den dazugehörigen Schlosspark erkunden kann und danach im Innenhof gemütlich einen Kaffee genießen.

Im Schloss selbst befindet sich unser erstes Museumsziel, denn es beherbergt das „Museum für Bergedorf und die Vierlande“. Die Dauerausstellungen – 850 Jahre Bergedorf  und  „Menschen, Bräuche, Veränderungen“ – präsentieren die Geschichte Bergedorfs und der Region ab der Reformationszeit. Jährliche Wechselausstellungen beleuchten gesellschaftliche und historischen Themen und mehrmals jährlich zeigen regionale Künstler ihre Werke im Haus.

Die Bergedorfer Mühle

 

Nur einen Steinwurf vom Schloss entfernt an der Bille entlang stossen wir in der Crysanderstraße auf die Bergedorfer Mühle, die der Lohgerber Martin Biehl 1831 erbaute. Es ist ein 1-stöckiger Galerieholländer zum Mahlen von Eichenrinde, auch „Lohe“ genannt. Die Mühle, die seit 1942 unter Denkmalschutz steht, hielt den Mühlenbetrieb als Kornwindmühle bis 1967 aufrecht . Heute ist der Verein Bergedorfer Mühle für das Bauwerk als „begehbares Denkmal“ verantwortlich.

Mehrmals jährlich öffnet der Verein die Mühle für Veranstaltungen und viele ehrenamtliche Mitglieder des Vereins erläutern interessierten Besuchern gerne die Besonderheiten dieser Mühle. Besonders reizvoll bei der Bergedorfer Mühle ist die Möglichkeit, sowohl das ganze Innenleben kennen zu lernen, sowie auch von der Außen-Galerie einen Blick über die Bille zu werfen.

Deutsches Maler- u. Lackierer-Museum

800 Jahre Geschichte des Maler- und Lackierer-Handwerkes in Deutschland wird in diesem am Billwerder Billdeich 72 liegenden wunderschönen Fachwerkbau  präsentiert. Dazu schwingen wir uns nun auf´s Rad und kommen über die Lohbrügger Landstraße und Langberg zum Naturschutzgebiet Boberger Dünen mit seinem großen Segelflugplatz. Durch einen schmalen Hohlweg und eine Brücke erreichen wir den Billwerder Billdeich und radeln Richtung Hamburg über die Autobahnbrücke und danach gleich links zum Museum.

Gezeigt werden dort zeitgeschichtliche Dokumente, Arbeitstechniken, Werkzeuge und spätere Spezialisierungen auf verschiedene Fachgebiete. Dieses Museum ist wohl eines der wenigen Spezialadressen für Liebhaber historischer Stätten in Bezug auf „die geistigen Grundlagen des Handwerks“. Geöffnet jeweils am Samstag und Sonntag von 14-17.00 Uhr. www.malermuseum.de.

Reitbrooker Mühle noch voll in Betrieb

Die heutige Reitbrooker Mühle stammt aus dem Jahre 1870 und liegt unmittelbar an der Reitbrooker Mühlenbrücke, die hier eine alte Fährverbindung ersetzt. Schon rund 100 Jahre früher stand an dieser Stelle eine Schrotmühle, die 1870 abbrannte.

Es handelt sich ebenfalls um einen „Galerieholländer“ mit zweigeschossigem quadratischen Unterbau aus Backstein sowie einem achteckigen hölzernen Aufbau. Die Haube, also der oberste Teil der Mühle an dem die Flügel befestigt sind, ist entsprechend der Windrichtung drehbar. Die Mühlenflügel besitzen eine Länge von 12,50 m. Im 20. Jahrhundert erhielt die Mühle elektrische Einbauten; das letzte Mahlen mit Windantrieb erfolgte 1938/39. Im Jahre 1942 wurde das Bauwerk unter Denkmalschutz gestellt.

Die Reitbrooker Mühle ist eine von neun im hamburgischen Gebiet erhaltenen Windmühlen und die einzige, die noch ihre originalen Flügel besitzt. Sie befindet sich insgesamt in einem guten Erhaltungszustand und gilt als das Wahrzeichen von Reitbrook.

Heutzutage wird die Mühle von einem Handelsbetrieb für Futtermittel und Gartenbaubedarf genutzt, der in ihr auch noch Getreideerzeugnisse (elektrisch) vermahlt.

DAS FREILICHTMUSEUM RIECK HAUS mit Bockmühle

Nur wenige Kilometer entfernt stoßen wir auf das Freilichtmuseum Rieck Haus, eine Anlage, die mehr als fünfhundert Jahre Vier- und Marschländer Kultur erlebbar macht. Das nach der Bauernfamilie Rieck benannte Hufnerhaus aus dem Jahr 1533 ist eines der ältesten erhaltenen Fachhallenhäuser Norddeutschlands. Hier kann man sich schon etwas länger aufhalten, um die klassischen Wohn- und Arbeitsbereiche des bäuerlichen Schaffens in den Vierlanden zu erkunden und sich vom Reichtum der Bewohner durch die herrlichen Intarsienarbeiten und die Delfter Fliesen zu überzeugen.

Das Haus dokumentiert das Zusammenleben von Mensch und seinen Tieren, deren Stallungen in der Diele angeordnet sind und dort auch Platz war für die Erntearbeiten.

Den Museumsinformationen entnehmen wir weiter: „Besucher können an Hörstationen im gesamten Museum erfahren, wie zu Mitte des 20. Jahrhunderts noch auf den Höfen und in den Gartenbaubetrieben in den Vier- und Marschlanden gearbeitet wurde. Und das Ganze auf plattdeutsch! Historische Filmaufnahmen geben einen lebendigen Eindruck in die Arbeitsschritte des Gemüseanbaus von der Aussaat bis zum Verkauf. An Mitmachstationen kann man Gerüche raten, Gewichte schätzen oder selbst einmal melken.“

„Zum Museumshaus gehört gleich ein ganzes Ensemble von Nebenbauten:

eine Schöpfmühle zur Be- und Entwässerung, die ursprünglich in Ochsenwerder in Betrieb war
ein historischer Haubarg zur Lagerung von Heu
das Backhaus, das Bäcker Heinz zum Erdbeerfest und Backtag für Kinder in Betrieb nimmt
der Schweinestall
eine Scheune mit jährlich wechselnden Sonderausstellungen
historische und tatsächlich heute benutzte Bienenkörbe
ein Schaugarten mit Mistbeeten, Wildwiese und Obstbäumen
ein Spielplatz
Die Anlage ist weitgehend barrierefrei. Allerdings müssen Kopfsteinpflaster und Türschwellen überwunden werden. Auf dem gesamten Gelände herrscht absolutes Rauchverbot.“

Die Riepenburger Mühle  

Die Riepenburger Mühle unweit der Elbe am Marschbahndamm gelegen, ist immer wieder eines unserer Ziele auf Radtouren durch die Vier- und Marschlande, um in den gemütlichen Räumen des Cafés oder im Sommer im Freien vor der Mühle den hervorragenden Kuchen und Kaffee zu genießen. Außerdem gibt es hier einen Mühlenladen mit außergewöhnlichen Angeboten.

Zur Geschichte: „Die Riepenburger Mühle ist die älteste und größte erhaltene Kornwindmühle Hamburgs.Die erste Erwähnung einer Mühle an dieser Stelle stammt aus dem Jahre 1318, womit der Standort zu den ältesten Windmühlenstandorten Deutschlands gehört. Die Mühle gehörte damals zur Riepenburg, einem befestigten Schloß am Elbdeich. Namensgeber war der Ritter Hermann Ribe, der im 13. Jh. der Besitzer war. 1420 gelangte die Riepenburg samt Mühle durch eine Schlacht in dengemeinsamen Besitz der Städte Hamburg und Lübeck. Bis zu ihrem Verkauf im Jahre 1880 war die Riepenburger Mühle eine herrschaftliche Mühle, die vom Bergedorfer Amtmann an einen Müller verpachtet wurde.

Bei den Vorläufern der heutigen Mühle handelte es sich durchweg um Bockwindmühlen. Neubauten gab es 1683 und 1765, jeweils weil der Vorgänger marode war. 1765 dachte man schon an den Bau einer Holländerwindmühle, was aber aus Kostengründen verworfen wurde.

 

KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Zum letzten Programmpunkt dieser Radreise ist es wiederum nur eine kurze Entfernung. Was den Besucher in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme erwartet, hat es allerdings in sich. Und dafür muss man sich auch etwas mehr Zeit lassen. Allein die Weitläufigkeit der Gedenkstätte erfordert Zeit.

Die KZ‑Gedenkstätte Neuengamme umfasst nahezu das gesamte historische Lagergelände in einer Größe von 57 Hektar. 17 Gebäude aus der Zeit des Konzentrationslagers sind erhalten. Damit ist sie eine der größten Gedenkstätten in Deutschland. Jährlich besuchen ca. 100.000 Menschen die Gedenkstätte.

Der Haupteingang befindet sich an der Bushaltestelle „KZ‑Gedenkstätte Neuengamme, Ausstellung“. Dort gib es einen Service-Point zur ersten Information für Besucherinnen und Besucher.

Fünf Ausstellungen vermitteln die Geschichte des Ortes.

Es sind:

  • Hauptausstellung „Zeitspuren: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938-1945 und seine Nachgeschichte“
  • Studienausstellung „Dienststelle KZ Neuengamme: Die Lager-SS“
  • Ergänzungsausstellung „Mobilisierung für die Kriegswirtschaft: KZ-Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion“
  • Ergänzungsausstellung „Arbeit und Vernichtung: KZ-Zwangsarbeit in der Ziegelproduktion“
  • Diese Ausstellungen werden in Gebäuden aus der Zeit des Konzentrationslagers gezeigt. Die Gebäude wurden nach dem Ende der Gefängnisnutzung teilweise in den Zustand von 1945 zurückgebaut.

An dem Mauerrest des zuletzt abgerissenen Gefängnisses wird die Ausstellung „Gefängnisse und Gedenkstätte: Dokumentation eines Widerspruchs“ gezeigt. Das „Haus des Gedenkens“ und das „Internationale Mahnmal“ ergänzen den Lernort.

Die Gedenkstätte verfügt außerdem über ein wissenschaftliches Archiv, eine Bibliothek und ein Studienzentrum.

Das Gelände der KZ‑Gedenkstätte ist auch außerhalb der Öffnungszeiten zugänglich und durch Informationsschilder erschlossen.

Dieser letzte Besuch war keine „leichte Kost“ und der etwas längere Rückweg nach Bergedorf mit dem Rad bei herrlichem Wetter machte die Gedanken wieder etwas freier.

Fazit: Diese Tour an einem Tag mag vor allem dazu dienen, einen ersten Informationsstand über die attraktiven kulturellen Einrichtungen zu bekommen. Danach kann man für sich selbst festlegen, wohin man für einen gezielten, längeren Besuch sich auf das Rad schwingt. Ich habe die Tour einmal komplett und anschließend einzelne Orte mehrmals angesteuert.

Die Hamburger Sternwarte in Bergedorf

Wer dann noch nicht genug hat von der „östlichen“ Kultur Hamburgs, dem kann ich noch einen Tipp geben: Die Hamburger Sternwarte ist eine von der Universität Hamburg betriebene historische Forschungssternwarte. Sie befindet sich seit 1909 auf dem Gojenberg im Hamburger Stadtteil Bergedorf. Das denkmalgeschützte Ensemble der Sternwarte verfügt über eine beeindruckende, nahezu komplett erhaltene astronomische Ausstattung. Bei ihrer Gründung 1912 war die Anlage die modernste ihrer Art.

In einer großen Parkanlage verteilt sich ein ganzes Ensemble aus denkmalgeschützten neobarocken Kuppelbauten, in denen sich historische Refraktoren und Teleskope befinden. Besonders sehenswert ist die Bibliothek. Es gibt ein Café und gelegentlich auch nachts Veranstaltungen.

Alle Fotos: © Hans-Raimund Kinkel