13. Februar 2021 Hans-Raimund Kinkel

Inselkirchen eng mit Schifffahrt verbunden

Schiffsmodelle hängen nicht ohne Grund in einer Kirche an der Küste. Ob Walfangschiff, Kriegsfregatte oder schnittiger Seebäder-Dampfer – sie sind mehr als Schmuck. Sie hängen oder stehen dort zum Dank und aus Dankbarkeit, sicher auch zum Repräsentieren von Person, Familie oder Gilde. Wähnten sich Seefahrer sicherer auf See, wenn sie der Heimatgemeinde ein Schiff spendierten? Sie zeigen Verbundenheit ebenso wie Zusammenhalt. Die Kirche ein sicherer Hafen in schwerer Zeit.

Das Schiff in der St. Laurentii Kirchengemeinde auf Föhr (Copyright: Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Laurentii auf Föhr)

Viele Schiffe, die in Kirchen hängen, tun dies seit langer Zeit. Das Schiff in der St. Laurentii Kirche von Süderende auf Föhr gelangte erst im Jahre 2003 dorthin. „Es wurde von dem niederländischen Verleger Dr. Walter Wybrands Marcussen der Kirchengemeinde gespendet und im Erntedankgottesdienst desselben Jahres erstmals feierlich präsentiert“, erklärt der Kirchenführer Joachim Taege. Das Schiffsmodell hängt gegenüber der Kanzel in der Mitte eines Gewölbebogens. Es zeigt die Fregatte Alexander, einen Dreimaster: 90 Zentimeter lang, gut zwanzig breit, Höhe über Masten einen Meter, mit niederländischer Beflaggung. Es ist ein originalgetreuer Nachbau, gefertigt vom niederländischen Modellbauer Hendrik Nikolaas Kamer.

Schiffsmodell in der Kirche St. Nicolai in Wrixum/Föhr © Hans-Raimund Kinkel

„Schiffsmodelle dieser Art wurden in früherer Zeit als Schmuck und Zierde in evangelischen Kirchen aufgehängt“, so der Mitarbeiter der Ferring Stiftung in Alkersum/Föhr, Joachim Taege, „diese wurden meist von Seefahrern gespendet – sie drücken damit ihren festen Glauben und ihre Dankbarkeit aus, nicht in Seenot geraten beziehungsweise daraus gerettet worden zu sein.“ Und sie dienen auch zur Erinnerung an den Stifter, denn die Familie des Verlegers Marcussen stammt ursprünglich von der Insel Föhr: Seit 1712, berichtet Taege, gingen aus dieser Familie mehrere erfolgreiche Schiffsführer hervor. Sie waren Kapitäne von Handels- oder Commandeure von Walfangschiffen, die unter holländischer Flagge bis nach Grönland oder Ostindien fuhren. Viele Seefahrer, vom Schiffsjungen bis zum Schiffsführer, stammten aus Nordfriesland und besonders von Föhr. „Einer von ihnen war Jacob Marcussen aus Süderende. Er befuhr mit der Fregatte Alexander die Weltmeere“, so Taege.

Grabstein mit Schiffsmotiv auf Friedhof St. Laurenti/Föhr © Hans-Raimund Kinkel

Auf dem Friedhof in Süderende stehen sogenannte „Sprechende Grabsteine“; also solche, in deren Inschriften die Lebensgeschichten der Bestatteten eingraviert sind. Auch die der Familie Marcussen. Joachim Taege hat ein Buch geschrieben (Die historischen Grabsteine von St. Laurentii), in dem diese faszinierenden Inschriften wiedergegeben sind. So fuhr zum Beispiel bereits genannter Jacob Marcussen, Sohn des Seefahrers Marcus Jacobs bis nach Batavia im heutigen Indonesien, niederländische Fregatten führte er bis nach Georgetown in Südafrika. Er kehrte mit seiner Frau nach 56 Jahren Seefahrt wohlbehalten auf seine Heimatinsel Föhr zurück. Sein Nachfahre Walter Wybrands Marcussen bringt mit diesem schönen Schiff seine weiterhin bestehende Verbundenheit mit der Kirchengemeinde seines Vorfahrens, St. Laurentii, zum Ausdruck.

Hooger Halligkirche St. Johannis © Hans-Raimund Kinkel

Als Napoleon 1806 die Kontinentalsperre über England verhängte, waren auch Seeleute von Hallig Hooge gezwungen, ihr Schiff zu verlassen und nach Hause zurückzukehren. „Im Winter 1806/07 begannen sie damit, ihr Schiff nachzubauen“, berichtet Gertrude von Holdt-Schermuly, „das geschah höchstwahrscheinlich unter Anleitung ihres Schiffszimmermanns. Wir nehmen an, dass es Hans Nonsen war.“ Nonsen wurde auf Hallig Habel geboren und auf dem Friedhof von Hooge beigesetzt, seine Initialen fanden sich eingeschnitzt und verdeckt von Farbschichten auf dem Wappenschild, Gallionslöwen halten es in ihren Pranken.

Das Kirchenschiff von Hooge (C) Gertrude von Holdt

Das Votivschiff Freidrig D 6 hängt in der Hooger Halligkirche St. Johannis, nach mehr als dreijähriger Restaurierungsarbeit erstrahlt seit ein paar Jahren wieder jedes Detail. Das Modell ist der Nachbau einer Fregatte und stellt einen stattlichen Dreimaster dar, mit allem was zu einem (Kriegs)-Schiff gehört – aufwändige Takelage, stolze Flaggen, der dänische Danebrog, Gallionsfigur, Kanonen. Gertrude von Holdt-Schermuly ist Prädikantin auf Hallig Hooge, kennt Schiff und Geschichte: „Das Schiff verschwand nach der Fertigstellung in irgendeiner Kammer und wurde vergessen.“

Im Jahre 1825 besuchte der dänische König Frederik VI Hallig Hooge, er war zu dieser Zeit Landesherr über große Teile Schleswig-Holsteins und reiste durch das Land, um Schäden anzusehen – zuvor wütete eine Sturmflut an der Küste. „Das Schiff wurde aus der Versenkung geholt, überholt und aufgehübscht. Der eigentliche Name auf dem Heckspiegel wurde durch Freidrig D 6 ersetzt“, so Gertrude von Holdt-Schermuly, „die Fregatte sollte das Dankeschön sein für die Hilfe, die er der Hallig gewährte!“

Der König bedankte sich, das Schiffsmodell aber ließ er auf der Hallig Hooge zurück. Seit dieser Zeit hängt es in der Kirche, knapp 200 Jahre also, bis es vor vier Jahren gründlich überholt wurde. „…seitdem ist der Kurs etwas verändert. Sie segelt jetzt nicht mehr auf den Altar zu, sondern hart an der Kanzel vorbei – gen Südost.“

Mehr zu entdecken über Föhr: Foehr-neues-entdecken

Startfoto: Kirche St. Laurenti © Hans-Raimund Kinkel