19. April 2021 Hans-Raimund Kinkel

Historisches Handwerk als Urlaubserlebnis

„Handwerk hat goldenen Boden“, weiß der Volksmund bereits seit dem Mittelalter. In Ostbayerns Städten haben einige besonders traditionsreiche Bräuche und Handwerksbetriebe alle Stürme des Wandels überdauert und öffnen Besuchern heute einzigartige Fenster in längst vergessen geglaubte Zeiten. Ostbayerns geschichtsträchtige Manufakturen beweisen mit innovativen Ideen, wie traditionelles Handwerk auch im 21. Jahrhundert weltweit fasziniert. Auch steinerne Spuren einer großen Handwerks-Tradition lassen sich bei einer Entdeckungsreise in ostbayerischen Altstädten erleben.

Der König der Hüte: Maßgeschneidertes für Köpfe 

Was haben Schauspieler-Legende Sean Connery, Fürstin Gloria von Thurn und Taxis und der emeritierte Benedikt XVI. gemeinsam? Sie alle tragen Hüte aus Regensburg – gefertigt in einer kleinen Manufaktur im Schatten der berühmten gotischen Domtürme. Beim „Hutkönig“ werden edle Kopfbedeckungen seit fast 140 Jahren ausschließlich von Hand gemacht. Prominenz aller Couleur gehört zum exquisiten Kundenkreis des Regensburger „Hutkönigs“. Doch auch „Normalsterbliche“ werden im aktuell neu designten Laden von Andreas Nuslan am Regensburger Krauterermarkt selbstverständlich bedient: Vom Schüler bis zum Adeligen versorgt die kleine, aber feine Regensburger Manufaktur schon seit 1875 Freunde der gepflegten Kopfbedeckung mit handgefertigten Hüten.

Andreas Nuslan ist der deutschlandweit einzige Handwerker, der den Meisterbrief sowohl für Herrenhüte (Hutmacher), als auch für Damenhüte (Modist) besitzt. Sogar für die Walt Disney Studios hat der „König der Hüte“ schon gearbeitet – und den berühmten Hut von Schauspieler Jonny Depp als „verrückter Hutmacher“ in dem internationalen Kino-Blockbuster „Alice im Wunderland“ handgefertigt. Bevor ein Kunde seine neue Kopfbedeckung aufsetzen kann, sind zwei bis fünf Tage und bis zu 80 Arbeitsschritte nötig. Mit Unterstützung seiner Mitarbeiter macht Meister Andreas Nuslan in der Werkstatt aus einem Rohling aus Hasenhaarfilz einen schicken Hut. Dazu wird der Rohling auf eine Holzform gespannt, unter heißem Dampf in die passende Form gebracht und schließlich getrocknet. Je nach Material und Anzahl der notwendigen Fertigungsschritte kosten die Hüte am Ende zwischen zehn und mehr als 1.000 Euro. In seiner Werkstatt können Besucher dem Meister bei der Arbeit heute auch über die Schulter schauen. Im neuen Regensburg Magazin unter: www.tourismus.regensburg.de

Im so genannten Apostel-Gewässer sorgen die Fischer bis heute dafür, dass das Verhältnis von Fried- und Raubfischen stimmt und die Wasserqualität immer auf hohem Niveau ist. Foto: Tourismusverband Ostbayern

Passaus zwölf Apostelfischer: Ein uraltes Privileg überlebt seit 1558
Ihre strategische Lage an der Donau prägt die Drei-Flüsse-Stadt Passau schon seit ihren Anfängen: Vor zwei Jahrtausenden waren es die Römer, die dort das Kastell Boiotro errichten ließen – und letztlich damit den Grundstein für die Entwicklung des Orts legten. Eine uralte, faszinierende Donau-Tradition hat bis heute überlebt: das Privileg der zwölf Apostelfischer. So viele Männer teilen sich seit mehr als 450 Jahren das Fischereirecht auf der Donau im Passauer Stadtgebiet. Seit 1558 verpachtet die Heilig-Geist-Stiftung das Fischrecht ohne Unterbrechung an zwölf Angler, die so genannten Apostelfischer. Über die Jahrhunderte wurde die Zugehörigkeit an jeden einzelnen Fischer persönlich weitergegeben – ein exklusiver Kreis an Petrijüngern. Damit das so bleibt, werden die Nachfolge-Apostel nach wie vor genauestens bestimmt: Traditionell bekommt der älteste Sohn eines Apostelfischers das Fischrecht übertragen.

Im so genannten Apostel-Gewässer sorgen die Fischer bis heute dafür, dass das Verhältnis von Fried- und Raubfischen stimmt und die Wasserqualität immer auf hohem Niveau ist. Das Besondere: Die Donau ist durch zwei Dämme in dem Bereich quasi ein geschlossenes Gewässer. Die Fische können nicht mehr ziehen, und das bedeutet für die Fischer: Nur, was sie vorher einsetzen, können sie mit ihren Netzen später wieder herausholen. Besucher können sie bis heute bei ihrer für Natur und Mensch wertvollen Arbeit beobachten. Jährlicher Höhepunkt: In der traditionellen Zusammenkunft auf der Donau im Sommer fährt jeder Apostelfischer mit der Zille hinaus. Schon mehrfach standen die zwölf Männer für Fernsehdokumentationen vor der Kamera. Infos: tourismus.passau.de

Deggendorf: Wo der Himmel voller Kerzen hängt

Besonders beliebtes Mitbringsel bei Touristen: das „Deggendorfer Liachtl“, eine nach Vanille duftende Hommage an die Heimatstadt. Foto: TVO/Kerzenmanufaktur Wiedemann

Historische Handwerkstradition als Licht- und Wärmespender für das 21. Jahrhundert. Dafür steht die Kerzenmanufaktur Wiedemann in Deggendorf. Seit der Gründung des Unternehmens im Jahre 1861 durch Ludwig Wiedemann sind Kerzen Passion der Familie. Heute fertigen dort rund 90 Mitarbeiter mit viel Engagement, Hingabe und vor allem Erfahrung, jeden Tag ein Stück dieser Emotionen. Der Name Wiedemann steht heute für Tradition und Qualitätskerzen „Made in Germany“. Die Kerzen aus der Deggendorfer Manufaktur sind international bekannt. Große Händler wie Westwing, die Wohnideen zum Welterfolg machen, haben die niederbayerischen Lichtspender als Premium-Produkte im Sortiment.

Ur-Ur-Ur-Enkelin Juliane Wiedemann leitet heute in sechster Generation den Handwerksbetrieb – nach einem klaren Credo: Tradition bedeutet im Hause Wiedemann nicht nur, Geschichte zu bewahren, sondern auch Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. „Wir produzieren unsere Kerzen möglichst klimaschonend und achten stark auf die Qualität und Herkunft der Materialien“, sagt die Geschäftsführerin. In einem eigenen Fabrikverkauf im Herzen des Deggendorfer Kulturviertels gegenüber des Handwerksmuseums können Kerzenfreunde nach Herzenslust im Sortiment stöbern. Besonders beliebtes Mitbringsel bei Touristen: das „Deggendorfer Liachtl“, eine nach Vanille duftende Hommage an die Heimatstadt. Infos: www.deggendorf.travel

Dingolfing: die „Tuchmacher“-Metropole des Mittelalters

Es ist heute ein längst vergessenes Handwerk: das des Tuchmachers. Im Mittelalter allerdings waren es diese spezialisierten Weber, die ausschließlich feine gewalkte und geraute Wollgewebe, sogenannte Tuche, herstellten, die der ostbayerischen Stadt Dingolfing zur Blüte und zu internationaler Bekanntheit verhalfen. Der Marienplatz, zentraler Platz im Herzen der historischen Altstadt Dingolfings, trug bis ins Jahr 1768 den Namen Wollerzeile. Der Name geht auf das Handwerk der Tuchmacher zurück, die hier seit Ende des 13. Jahrhunderts mit Wohn- und Arbeitsstätten ansässig waren. Die Tuchmacher entwickelten sich im Laufe der Zeit zu einem der führenden Handwerke in Dingolfing. Bis in die Barockzeit stellten die Tuchmacher nicht selten den Bürgermeister der Stadt.

Die Tuchmacher hatten sich bis ins 15. Jahrhundert durch hohe handwerkliche Fertigkeit einen überregional bedeutenden Ruf erworben. Dingolfinger Tuch wurde in halb Europa, von Venedig bis Tirol, hoch geschätzt. Um einer „Produktpiraterie“ vorzubeugen, verlieh Herzog Ludwig der Reiche 1466 einen Warenschutz. Die hergestellten Tücher konnten daraufhin mit einem bleiernen Siegel versehen werden, das bis zum 19. Jahrhundert verwendet wurde. Spuren der großen Handwerksvergangenheit sind in Dingolfing bis heute zu bestaunen: So ist das Wollertor als einzig erhaltenes Stadttor aus dem 15. Jahrhundert steinerner Zeuge der großen Vergangenheit. Aber auch die 1482 geweihte Kreuz- oder Tuchmacherkapelle in der Stadtpfarrkirche St. Johannes zeugt vom Ansehen und Reichtum der Tuchmacher. Die Seitenkappelle wurde von den Tuchmachern erbaut und unterhalten. Alle zehn Seitenkapellen der Stadtpfarrkirche stammen von Handwerkern. Mehr Infos: www.dingolfing.de;

Startfoto: Beim „Hutkönig“ werden edle Kopfbedeckungen seit fast 140 Jahren ausschließlich von Hand gemacht. Foto: TVO/Regensburg Tourismus GmbH

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