Grömitz ist noch vor Timmendorf das beliebteste Ostseebad und drittwichtigster Urlaubsort in Schleswig-Holstein mit über 700 000 Übernachtungen. Und das, obwohl der Ort außer der Kirche aus dem 12. Jahrhundert keine historischen Sehenswürdigkeiten besitzt. Grömitz ist ein Sammelsurium aus älteren und neueren Aneinanderreihungen von Übernachtungsgebäuden.

Grömitz Promenade © Hans-Raimund Kinkel

Die ganze Infrastruktur ist auf Urlauber ausgerichtet: Geschäfte, Buden, Cafés und Restaurants reihen sich an der langen Promenade aneinander an. Davor der feine Sandstrand, der vollgestellt ist mit hunderten von Strandkörben. Die Seebrücke wird derzeit renoviert und ist geschlossen. Berühmt ist auch der große Yachthafen, der Grömitz eine besondere Extranote verleiht. Das alles deutet nicht auf einen idealen Ausgangspunkt für einen Radurlaub hin.

Grömitz Yachthafen von der Steilküste aus © Hans-Raimund Kinkel

Hintergrund unserer 4-tägigen Radreise von Grömitz aus war, dass wir die Region und das Hinterland nördlich von Neustadt aus einmal näher erkunden wollten und dass wir dabei ein weiteres Stück des berühmten Ostsee-Radweges kennenlernen würden. Den südlichen Teil davon bis Travemünde hatten wir bereits von Scharbeutz aus erkundet und auch dort Touren ins Hinterland gemacht.

Spezielles Hotelkonzept 

Einquartiert haben wir uns nicht im Ort selbst, sondern etwas außerhalb im Hofhotel Krähenberg am Nienhagener Weg, etwa 1 km von der Ortsmitte entfernt. Über das Hotel könnte ich einen kompletten, eigenen Bericht schreiben.

Hofhotel Krähenberg, Grömitz – © Hans-Raimund Kinkel

Hier jedoch nur soviel, dass es 4 Sterne hat und das Wunder vollbringt, ganz unterschiedliche Zielgruppen zu vereinen, also uns Radfahrer mit dem eigenen Radschuppen für mitgebrachte Räder sowie Leihräder (meist E-Bikes) vom Hotel, ruhige ältere Gäste wie Familien mit quirrligen Kleinkindern, Gäste mit Hunden, sportliche Gäste (Tennis, Golf) und über den Wellness-Bereich mit Schwimmbad und 3 Saunen sowie Massageangeboten auch Beauty-Fans anspricht. Der alte Spruch, wer „Alles“ möchte, macht nichts richtig, trifft beim Hofhotel Krähenberg ausnahmsweise nicht zu.

Möglich macht dies wohl die breite Streuung der Gästeunterbringung in verschiedenen Gästehäusern und Ferienwohnungen und dem Management des Familienbetriebes, das bis ins Kleinste von Freundlichkeit und Serviceorientierung durchdrungen ist. Ein besonderes Lob muss man auch der Küche aussprechen. Und das alles bei wirklich moderater Preisgestaltung. Viele Stammgäste kommen schon seit mehreren Jahrzehnten ins Hotel, andere, wie wir, haben es gerade erst entdeckt.

 

 

Warum „Halbsterneradeln“?
Um echtes Sterneradeln praktizieren zu können, muss man ja eigentlich die Touren in alle Himmelsrichtungen machen können. Da Grömitz nach Osten hin durch die Ostsee für Radfahrer sozusagen „gesperrt“ ist, kann man also nur einen halben Stern planen. Und den haben wir mit 4 Touren mit jeweils zwischen 40 und 60 km auch absolviert.

Ostseeküsten-Radweg © Hans-Raimund Kinkel

 

1. Tour – Ostseeküsten-Radweg südlich und Neustadt

Von Hamburg aus erreichten wir unser Hotel am frühen Sonntagmorgen, stellten das Auto dort ab und nutzten die Zeit, bis wir einchecken konnten, um unsere erste geplante Tour nach Neustadt zu machen. Vom Krähenberg aus radeln wir rund einen Kilometer ins Zentrum von Grömitz und das letzte Stück bis zum Yachthafen auf der parallel zur Promenade angelegten Radspur. Um möglichst nah an der Küste zu sein, entscheiden wir uns am Yachthafen für den Steilküsten-Weg, ein reiner Schotter- bzw. Waldweg, eigentlich nur geeignet zu Fuß und mit entsprechenden Hindernissen, wo man sein Rad schieben bzw. tragen muss.

Aber es ist nur ein kurzes Stück bis Bliesdorf Strand. Dort radeln wir von der Küste weg bis Bliesdorf und auf dem Ostseeküsten/Mönchsweg nach Brodau, wo wir das erste typische schleswig-hosteinische Gut entdecken, das wie eine Festung auf einer Insel im dazugehörigen Hausteich liegt.

Danach geht es mit Blick auf die Ostsee über Rettin auf gutem Radweg nach Pelzerhaken, das sich mit modernen Neubauten an der Promenade richtig herausgeputzt hat. Bis Neustadt sind es dann nur noch wenige Kilometer. Bei der Klinik geht es mit einem Schwenck über den Parkplatz direkt ans Wasser, an den Campingplätzen und dem Yachthafen vorbei ins Stadtzentrum.

Blick auf die Ostsee beim Campingplatz Elfenschlucht vor Rettin © Hans-Raimund Kinkel

Zurück radeln wir auf hügeliger Strecke über Beusloe und Schashagen bis Bliesdorf. Von dort an der B 501 entlang bis zum Abzweig zum Yachthafen Grömitz und dann zu unserem Hotel. Wir haben mit den verschiedenen Abstechern gut 40 Kilometer auf dem Tacho.

2. Tour – Ostseeküstenradweg nördlich und Cismar

Die zweite Tour radelten wir auf dem Ostseeküsten-Radweg nach Norden. Gleich hinter Grömitz und noch vor Lensterstrand geht es auf dem Deich auf festem Sandweg an der Küste entlang Richtung Kellenhusen und weiter am Leuchtturm bei Dahmeshöved vorbei nach Dahme.

Strand von Dahme © Hans-Raimund Kinkel

Diese Strecke sind wir schon einmal früher mit dem Rad gefahren und schwelgen ein bisschen in Nostalgie. Am Gesamtcharakter dieses Küstenabschnitts hat sich nicht wirklich etwas Grundlegendes geändert: Strand, Strand, Strand und die typischen Übernachtungsmöglichkeiten Camping, Ferienwohnungen und Ferienhäuser.
Von Dahme aus schwenken wir ins Landesinnere nach Grube ab. Ein kurzes Stück geht der Radweg entlang der 501, dann biegen wir ab auf die Landstraße nach Guttau und Grönwohldhorst.

Klosteranlage Cismar © Hans-Raimund Kinkel

Unser nächstes Ziel ist die Klosteranlage in Cismar. Hier machen wir eine Rast im Innenhof und schauen einer Gruppe Kindern zu, die hier fröhlich herumtoben.
Von dort geht es über Lensterstrand zurück nach Grömitz.

3. Tour – Über Lensahn bis zum Oldenburger Graben

Bei herrlichem Wetter starten wir unsere dritte Tour. Direkt vom Hotel aus geht es auf dem Nienhagener Weg durch eine abwechslungsreiche, hügelige Landschaft mit kleinen Gehöften auf guten Radwegen nach Lensahn. Dort besuchen wir kurz den Museumshof Lensahn. Wer Spaß hat an alten Traktoren und wissen will, wie Bauern und Handwerker früher gearbeitet haben, ist hier richtig. Zahlreiche Veranstaltungen machen dieses Museum lebendig. Gruppen mit kleinen Kindern haben hier ebenfalls ihren Spaß.

Museumshof Lensahn © Hans-Raimund Kinkel

Wir verlassen den Ort in nordöstlicher Richtung und queren dabei erneut die A 1 nach Oldenburg. Auch diese Tour führt durch eine typische schleswig-holsteinische Landschaft, über Schwienkuhl nach Koselau in die Nähe des Oldenburger Grabens, einer flachen, weiten Landschaft, die überwiegend landwirtschaftlich genutzt wird und wo wir den einen oder anderen großen Gutshof passieren.

Gutshof bei Koselau © Hans-Raimund Kinkel

Von hier radeln wir über Riepsdorf, Altratjensdorf und Grube nochmals nach Dahme, um den Ostseeküstenradweg von hier in der Gegenrichtung nach Grömitz zu absolvieren.

Ostseeküsten-Radweg bei Dahmeshöved © Hans-Raimund Kinkel

Um den schönen Tag abzuschließen, nehmen wir noch die 3 km an der 501 entlang in Angriff zum Hof Mougin in Ziegelhof, einem Erdbeerhof mit Hofcafé, Hofladen und der Möglichkeit für einen Bauernhofurlaub. Wir genießen im Hofcafé einen wunderbaren Erbeerkuchen und radeln dann zurück ins Hotel.

4. Tour – Versuch einer Mühlentour mit Überraschungen

Unsere vierte und letzte Tour von Grömitz aus ins Hinterland ging in Richtung Bungsberg, der mit 167 Metern höchsten Erhebung in Schleswig-Holstein. Und deshalb stellten wir uns schon mal auf eine hügelige Tour ein, was sich auch schnell bewahrheitete.

Start zur hügeligen Tour am Nienhagener Weg © Hans-Raimund Kinkel

Vom Hotel aus starteten wir nach Brenkenhagen und weiter nach Groß Schlamin und Marxdorf auf wenig befahrener Landstraße. Vor Wahrendorf biegen wir links nach Hobstin, von wo aus wir unser erstes Ziel, die Kniphagener Mühle ansteuern wollen. Dazu müssen wir unsere Route kurz verlassen und auf der vielbefahrenen L 126 ohne Radweg an der Seite etwa 1 Kilometer nördlich radeln.

Kniphagener Mühle – © Hans-Raimund Kinkel

Vergebens halten wir nach einem Hinweis Ausschau und nur durch Zufall entdecken wir ein als privat gekennzeichnetes Objekt, wo wir mit viel Mühe einen kurzen Blick auf das Mühlrad der Wassermühle werfen können. Dieser touristische Hinweis in unserer Karte war also nichts.
Den Kilometer zurück auf der L 126 und rechts ab Richtung Stolpe, dann wird es wieder idyllisch.

Torhaus Gut Hasselburg © Hans-Raimund Kinkel

Weiter geht es zum Gut Hasselburg. Schon aus einiger Entfernung zeigt sich die Spitze des Torhauses und wir werden hier positiv überrascht mit einem der stattlichsten Güter, die wir in Schleswig-Holstein bisher angetroffen haben. Das Gut Hasselburg ist Spielstätte des SHMF, des Schleswig-Holsteinischen Musikfestivals und bietet im Torhaus sogar einige Ferienwohnungen an. Die Anlage besteht aus dem Gutshof und den riesigen Nebengebäuden rund um einen großen Innenhof.

Gutsgebäude Hasselburg © Hans-Raimund Kinkel

Hier treffen wir zwei Radler, die aus Nürnberg kommen und vom Gut Panker an der Ostsee bei Oldenburg aus noch bis Lübeck wollen und über dieses Kulturgut Hasselburg ebenfalls sehr erfreut sind. Für den doch sehr weiten Weg sind sie mit E-Bikes unterwegs.

Hasselburger Mühle © Hans-Raimund Kinkel

Euphorisch wie wir durch dieses Gut geworden sind, steuern wir die Hasselburger Mühle an und erleben einen weiteren „Mühlenflop“. Das Anwesen ist ebenfalls als „privat“ deklariert und von einer Mühle kann optisch kaum die Rede sein. Immerhin haben wir einen schönen Blick auf den See davor.

Dann machen wir noch einen Abstecher nach Logeberg und radeln über Brodau und Bliesdorf zum Grömitzer Yachthafen, wor wir bei dem herrlichen Wetter uns oben am Aussichtspunkt eine Pause gönnen, bevor wir noch über die Promenade in Grömitz schlendern und ein Café aufsuchen.

Blick auf Grömitz © Hans-Raimund Kinkel

Fazit.

4 Tage und 4 Radtouren ganz unterschiedlicher Prägung zwischen 40 und 60 Kilometern (gesamt 190 km), dazu die Atmosphäre der typischen Ostseebäderkultur und ein Hotel, das mit seinen spezifischen Eigenheiten diesen Urlaub durchaus zu einem Erlebnis gemacht haben. Nur auf dem Ostseeküsten-Radweg begegnet man auch unter der Woche einer ganzen Reihe von Radlern, mehrheitlich Tagesausflügler mit geliehenen Rädern, inzwischen überwiegend E-Bikes. Sobald man sich aber von der Küste abwendet, ist man fast ganz allein unterwegs. Die Ruhe in dieser harmonischen Landschaft sorgt für echte Entspannung und kann sportlich durchaus anspruchsvoll gestaltet werden.

Ein roter Punkt in grüner Landschaft © Hans-Raimund Kinkel