Nicht immer kann man bei der Planung einer Radreise darauf vertrauen, dass alles so eintritt, wie man es vorgesehen hatte. Mit etwas Flexibilität sind wir bisher aber immer gut davongekommen. Um möglichst vielen Eventualitäten vorzubeugen, bevorzugen wir inzwischen das sogenannte Sternradeln (auch Sterneradeln bezeichnet). Dabei wählen wir an einem Ort eine feste Bleibe und radeln von dort aus „sternförmig“ in verschiedene Richtungen. Kein Hotelwechsel, kein Gepäcktransport, kein Zwang, in jedem Fall weiterzuradeln. Ein weiterer Vorteil – sollte das Wetter so gar nicht mitspielen, dann haben wir unser Auto parat und können damit entsprechende Unternehmungen machen.

Einen solchen „Ernstfall“ hatten wir nun zum ersten Mal in unserer langjährigen Radreisen-Chronik bei unserem Besuch in Havelberg. Hier wollten wir neben der Havel noch weitere Strecken am Elbe-Radweg erkunden.

Dauerregen und stürmische Böen begleiteten uns schon bei der Anfahrt von Hamburg, dazu eine unvorhergesehene Umleitung von der Berlin-Autobahn nach Havelberg. Normalerweise erreichen wir unseren jeweiligen Standort schon früh, um den Anreisetag gleich für die erste Tour zu nutzen. Nun gibt es sicher einige Hartgesottene, die uns als Weicheier bezeichnen. Zugestanden – aber Hardcore-Radeln machen wir einfach nicht mehr, wenn wir nicht gezwungen sind, eine nächste Etappe absolvieren zu müssen.

Bei dieser Tour kam uns nun entgegen, dass Havelberg ja ein Ort mit interessanter Geschichte ist. Hansestadt mit historischen Straßen und Baudenkmälern wie der Salzmarkt mit dem Beguinenhaus, das Rathaus und die Stadtpfarrkirche. Nicht zuletzt aber dominiert der Dom als Wahrzeichen über der Stadt.

Um den zwischen 1150 und 1170 erbauten Komplex zu besuchen braucht es keinen Sonnenschein, zumal darin auch das Prignitz-Museum beheimatet ist. Drei Bereiche werden in dem Museum behandelt: Die Siedlungsgeschichte von Elbe und Havel von der Steinzeit bis zur Slawenzeit, dann die Stadtgeschichte und die Domgeschichte selbst.

Dazu der Dom mit seinem riesigen Kirchenschiff und seinem außergewöhnlichen Turm.

 

Wir haben hier ohne viel Mühe eine ganze Reihe von Stunden zugebracht, um dann zu unserem Hotel, dem ArtHotel auf dem Kiebitzberg zu fahren. Dieses Hotel ist eine der neueren Attraktionen des Ortes, geplant, erbaut und jetzt gemanaged von Renate und Andreas Lewerken. 2011 und 2012 eröffnet verbindet das Haus Geschichte und Moderne mit Aktivitäten wie Konzerte, Lesungen usw.

Das Design entspricht dem Anspruch „ArtHotel“ zu sein. Und die Küche im Restaurant „Schmokenberg“ bietet ebenfalls Besonderes mit Gerichten rund um das berühmte japanische Wagyu-Rind (aus heimischer Zucht) und sogar bezahlbar. Der Wellnessbereich ist mit 2 Saunen ausgestattet und einem gefälligen Ruhebereich. Vom Außenbereich kann man auf die Havel hinunter blicken.

Der nächste Tag zeigt sich dann etwas freundlicher, angesagt sind Schauer im Wechsel mit Sonnenschein, dazu allerdings weiterhin der stark böige Wind. Wir starten zu einer Tour an der Elbe aufwärts nach Rühstädt, dem berühmten Storchendorf. Es gibt dazwischen eine Strecke auf dem Elbdeichvorland, die wir unbedingt einmal radeln wollten.

Verwirrende Angaben für Sperrungen am Elbe-Radweg zwischen Rühstädt und Havelberg (v/s).

Wir sind von Havelberg aus nach Rühstädt geradelt auf der nördlichen Route und wollten über das Elbdeichvorland (zwischen Elbe und Gnevsdorfer Vorfluter) zurück und ab Neuwerben zwischen Havel und Elbe nach Havelberg.

Am Wehr in Gnevsdorf steht ein Schild mit Sperrhinweis ab Neuwerben bis Ende 2017. Ich checke im Internet – da steht bis Ende 2018 und nicht abgeschlossene Bauarbeiten am Gnevsdorfer Wehr bis 31.10.2018.

Baumaßnahmen am Gnevsdorfer Wehr waren nicht ersichtlich, die Querung auf das Elbdeichvorland offen. Der Wirt des Cafés in Rühstädt hatte uns zudem gesagt, wenn der Weg über das Wehr offen ist, dann könne man auch durchradeln. Wir riskieren also die Rücktour über diese einmalig schöne Strecke bis zur Wehrgruppe bei Neuwerben zum Abzweig nach Havelberg.

Dort gibt es ein weiteres Hinweisschild, Bauarbeiten bis Ende 2019. Umleitung über Quizöbel, Nitzow und Toppel. Also von da ab den gleichen Weg zurück, den wir gekommen sind. Klare Angaben wären wohl wirklich besser gewesen.

Trotzdem eine schöne Tour. Wir hatten zwar gegen den harten Nordwest auf dem in Topzustand befindlichen Deich zu kämpfen, mussten aber nur einmal einen kurzen Schauer über uns ergehen lassen.

Rühstädt haben wir früher schon einmal von Wittenberge aus besucht, wollten diesmal aber etwas mehr Zeit dafür haben, um dieses besondere Storchendorf näher zu erkunden. Wir besuchen das Schloss mit seinem Park, radeln durch den Ort und machen auf wirklich vielen Häusern die Storchennester aus.

Optisch besonders attraktiv das Nest auf dem Alten Wasserturm. Aber außer einer geführten Besuchergruppe, die durch die Straßen wandert, wirkt Rühstädt wie ausgestorben. Im Café sind wir die einzigen Gäste.

Zurück in Havelberg

Am frühen Nachmittag sind wir dann bereits wieder in Havelberg zurück und können nun den Ort bei besserem Wetter erkunden und vor allem ein paar ansprechendere Fotos von Altstadt und Dom machen. Wir steigen auch nochmals zum Dom hinauf und besuchen dort den Kräutergarten. Unterhalb des Domberges reihen sich an der Havel entlang hübsche kleine Häuser mit entsprechenden Gärten davor, die bis ans Wasser hinunter gehen.

Auf der Altstadt-Insel sind noch eine ganze Reihe der alten Häuser nicht renoviert, nur am Marktplatz rund um das Rathaus vermittelt sich ein wenig die Atmosphäre, die man von einem solch exponiertem Ort erwartet. Wir fragen im Café danach – …“die hohen Auflagen der Behörden wegen Denkmalschutz. Das rechnet sich einfach nicht“.

Unseren Rückweg zum Hotel nehmen wir über die Spülinsel, auf dem sich ein großer Campingplatz befindet, und am Yachthafen vorbei zurück zum Kiebitzberg.

Unterhalb vom Hotel entdecken wir noch den Anleger für das Party- und Ausflugsboot des Hotels, von dem aus man einen herrlichen Blick auf die Havel hat.

Gegen Abend trübt sich das Wetter dann wieder rasch ein und die ersten Regenböen peitschen an unser Hotelfenster – also ab in die Sauna.

Dritter Tag

Der nächste Morgen zeigt sich unverändert schlecht – dunkelgraue, tief hängende Wolken. Es regnet in Strömen und der Wind hat auch nicht nachgelassen. Eine kleine Gruppe Gäste beim Frühstück haben Radklamotten an und wir sehen sie etwas später auch aufbrechen. Es gehe ja nach Süden Richtung Tangermünde, mit Rückenwind also und deshalb würde es vermutlich nicht ganz so schlimm.

Unsere Räder bleiben im Schuppen. Wir nehmen das Auto, Regenjacken und Schirme und machen uns ebenfalls auf den Weg nach Süden. Zunächst wollen wir nach Arneburg und nehmen bei Klietz die Gierseilfähre über die Elbe. Gierseilfähren hängen an einem langen Seil im Flussbett und nutzen die Strömung für die Bewegung aus. Eine weitere solche Fähre gibt es in dieser Region auch bei Sandau.

In Arneburg wechseln sich Regen und kurze Lichtblicke ab. Die Stadt liegt 35 Meter hoch über der Elbe und gilt als eine der ältesten Städte der Altmark. Die Burg wurde von Kaiser Otto III als Festung gegen die Slawen errichtet.

Von der Burg ist nur noch ein Stück Mauer übrig und an der Stelle gibt es eine Gaststätte mit Aussichtsplattform, von der aus wir einen wunderbaren, weiten Blick auf die Elbniederung haben, zumal sich genau in diesem Augenblick die Wolken etwas auflockern.

Ansonsten ist die Stadtkirche St. Georg und der Fischerbrunnen sehenswert. Der Marktplatz wirkt gepflegt, eine gemütliche Atmosphäre vermittelt sich uns.

Über die Dörfer nach Tangermünde

Weiter geht es auf der Westseite der Elbe nach Tangermünde, der Kleinstadt an der Elbe in der Altmark, der nördlichsten Region des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. „Tangermünde kann auf eine fast 1000-jährige Geschichte zurückblicken. Backsteinbauten, eine fast geschlossene, teilweise gewaltige Stadtmauer mit wehrhaften Toren, die Burganlage und die Vielzahl der Fachwerkhäuser verleihen der Stadt einen einzigartigen Charme.“ Das entnehmen wir der Internetseite www.tangermuende.de. Dort informieren wir uns auch über die Geschichte und Kultur.

Im Wesentlichen fasziniert uns aber bei unserem Rundgang durch die Stadt – trotz des schlechten Wetters – die Lebendigkeit mit Geschäften, Restaurants und Cafés, Boutiquen und Tourismus – also alles, was wir sonst in solchen Kleinstädten oft nur wenig ausgeprägt wiedergefunden haben.

 

Über die Lange Straße kommen wir zum historischen Rathaus, holen uns dort in der Touristinformation einen Stadtführer und starten unseren Rundgang am Elbufer an der gewaltigen Stadtmauer entlang zum mächtigen Elbtor mit der St. Stephanskirche im Hintergrund.

Weiter geht es zum Schloss, in dem heute ein Ring-Hotel residiert. Hoch über der Elbe hat man vom Schlosspark aus einen weiten Blick hinab. Auf dem Schlossberg ragen Gefängnisturm und Kapitelturm in den Himmel.

Gegenüber liegt die Schlossfreiheit, das älteste Wohnhaus der Stadt, heute ist dort das Burgmuseum untergebracht.

Zurück kommen wir zur St. Stephanskirche, deren Turm und Kirchenschiff mit ihrer Höhe beeindrucken. Gegenüber der Kirche fällt uns ein Objekt aus Radlerhotel und Café auf mit dem Namen „Exempel Schlafstuben“. Und tatsächlich wird Tangermünde von den Radlern, die hier den Elbe-Radweg entlang kommen, nicht ausgelassen.

Über die Lange Straße spazieren wir bis zum Neustädter Tor und dem Schrotturm und verharren kurz vor einem Gebäude, wo ein Trabbi-Heck aus der Wand ragt und die Bezeichnung „Ostprodukte-Versand“ darüber in Goldenen Lettern prangt.

Der Regen begleitet uns weiter auf der Rückfahrt von Tangermünde nach Havelberg und wir sind froh über unser gutes Quartier. Die Rückreise am nächsten Tag nehmen wir früh in Angriff.