20. November 2021 Hans-Raimund Kinkel

Ein Stück Glück – Elf schokoladige Sünden

Mehr Gesundes und weniger Süßes: Wer kennt sie nicht, die guten Vorsätze für das neue Jahr? Doch zwölf ganze Monate ohne süße Verführung, ohne zartbittere Geschmacksexplosionen, ohne feinste Genüsse … wo bleibt da die Freude im Alltag? Wir finden: Glück kann man zwar nicht essen, Schokolade jedoch schon! Und in der Tat gibt es Orte, an denen Naschträume wahr werden und wo jeder Bissen ein Lächeln ins Gesicht zaubert: Kleine familiengeführte Manufakturen und große internationale Fabriken aus aller Welt beweisen sich in der Kunst der Schokoladenherstellung. Immer öfter mit nachhaltigem Ansatz und außergewöhnlichen Konzepten. Nicht weniger spannend als die Herstellung sind jedoch die Geschichten hinter den Schokoladenkünstlern, -produkten und -manufakturen …

Bayerisch-Schwaben: rundum Fairness und Bio

Stimmung_Heidelbeer_(c) Lanwehr GmbH

Bayerisch-Schwaben ist nicht nur für seine herzhafte und vielseitige Küche bekannt, sondern auch Naschkatzen kommen in den Traditionsmanufakturen und Confiserien der Region in den Genussedler Leckereien. Die in dritter Generation familiengeführte Schokoladenmanufaktur Lanwehr in Illertissen verwöhnt Schokofans bereits seit 1927 mit feinster, schokoladiger Handwerkskunstbasierend auf Traditionsrezepten. Neben Klassikern wie Königsberger Marzipan und Konditorenpralinen finden Besucher auch zuckerfreie Diabetikerpralinen sowie ein breites Bio-Sortiment, bestehend aus Pralinen, Schokolade und Trüffel. Letztere werden dabei aus erlesenen Fairtrade-Zutaten aus kontrolliert biologischem Anbauhergestellt. Wer in Bayerisch-Schwaben seine Schokolade selbst herstellen will, kann sich beim dreistündigen Schokoladenworkshop „Fairness und Schokolade“, in der Umweltstation Mooseum in Bächingen, selbst als Konditor versuchen. Dabei lernen Familien allesrund um Herkunft, Herstellung und Fairness und kreieren ihr eigenes, schokoladiges Meisterwerk.

Fichtelgebirge: Genuss für Gaumen und Geist

Geistesfreuden aus dem Fichtelgebirge © BäckereiKüspert

Besucher, die sich nach einem ereignisreichen Tag im Fichtelgebirge nach etwas Süßem sehnen, finden in der Bäckerei Küspert in Röslau Pralinen mit ortsbezogenem Charakter. Die Familienbäckerei stellt ihre „Geistesfreuden aus dem Fichtelgebirge“ – vier verschiedene Pralinen – in Handarbeit her und verwendet dafür beste Schokolade. Der im Fichtelgebirge geborene Dichter und Denker Jean Paul hatte eine Vorliebe für das fränkische Bier, weshalb die ihm gewidmete Variante mit Hopfen veredelt wird. Wer eher auf luxuriöses Prickeln steht, dürfte Fan der Praline mit dem Konterfei von Königin Luise sein. Sie wird mit Champagner verfeinert und erinnert an das adelige Leben der Königin – sie ist Namensgeberin der Luisenburg, der ältesten Freilichtbühne Deutschlands. Auch zu Ehren der Luisenburg hat die Familie Küspert eine eigene Praline mit Orange und Marzipan kreiert. Und für wen es noch etwas mehr sein darf, sollte sich an die Sechsämter-Praline wagen. Beim Biss in die Praline freuen sich Genussfans über den heimischen Kräuterschnaps in harmonischer Kombination mit feinster Schokolade.

Bayonne: wo Schokolade zur Tradition gehört

(c) Destination Côte Atlantique_F. Makhlouf

Die baskische Hafenstadt an der französischen Atlantikküste ist berühmt für ihre Schokoladenspezialitäten. Bereits im Jahre 1490 brachten aus Spanien und Portugal fliehende Juden, die sich im Viertel Saint-Esprit am Ufer des Flusses Adour niederließen, Kakaobohnen nach Bayonne. Die erste Erwähnung der Schokolade in den Stadtarchiven ist auf das Jahr 1670 zurückzuführen. Im 18. Jahrhundert spezialisierte sich die Stadt auf die Schokoladenherstellung. Das Produkt aus Kakaobohnen galt nicht nur als Luxusprodukt, sondern zeigte zudem eine heilende Wirkung. Auch heute noch behauptet sich Bayonne mit Traditionshäusern wie Cazenave (seit 1854), Daranatz (seit 1890) oder Pariés (seit 1895) sowie mit zahlreichen jüngeren Produzenten (z. B. Atelier du chocolat, Franck Mendive, Pascal, Monsieur Txokola u. v. m.) als französische Hauptstadt der Schokolade. Jene ist für die Qualität ihrer Rohstoffe und die Präzision ihrer Mischungen bekannt: Sie ist dunkel, bitter und verfügt über einen hohen Kakaoanteil.

Murnau: vom Anbau über die Röstung bis zur Veredelung

(c) Schokoladenmanufaktur Murnau

Wer schon immer in die Welt der Vollmilch-, Edelbitter- oder Edelweiss- Grand-Cru-Schokoladen eintauchen wollte, kommt im bayerischen Murnau voll auf seine Kosten. Dort betreibt die Lebzelter- und Konditorenfamilie Krönner, die mit Stolz auf eine 260-jährige Handwerkstradition zurückblickt, mit viel Leidenschaft und Eifer ihr Kaffeehaus mit Konditorei und Schokolaterie. Vom Anbau über die Röstung und Herstellung bis hin zur Veredelung erfahren interessierte Schokoliebhaber dort alles über die süße Sünde. Nach dem theoretischen Teil besichtigen Teilnehmer die Manufaktur, schauen den Confiseuren bei der Arbeit über die Schulter und verkosten anschließend verschiedene Schokoladen. Für Urlauber, die bei einem der 580 KÖNIGSCARD-Gastgeber ihren Aufenthalt buchen, ist die Besichtigung der Manufaktur kostenlos. Auch zahlreiche weitere Erlebnisse im Allgäu, in Tirol und Oberbayern sind mit der KÖNIGSCARD gratis.

Nördlicher Schwarzwald: Schokoduft über den Tannenspitzen

Liebenzeller Marzipan- und Schokoladenmanufaktur (c) Sophia Rossmanith

Seit 1976 produziert die Frischmann-Marzipan GmbH in liebevoller Feinarbeit über 60 Sorten Pralinen und Trüffel, handgeschöpfte Schokolade und handgefertigte Marzipanfiguren – auch als Souvenirs in Form von Bollenhüten, Tannenbäumen oder der berühmten Schwarzwälder Kirschtorte. 2019 übernahm die Betriebswirtin Andrea Matt das Zepter über das Schokoladenreich und erfüllte sich somit ihren lang gehegten Traum: etwas wirklich „Genussvolles“ in ihrem Leben zu tun. Mit Leidenschaft und betriebswirtschaftlichen Know-How gelang es ihr, sich von der Branchenfremden zur selbsternannten „Marzipan- und Schokoladenkünstlerin“ zu etablieren. Eine große Glasfront im Verkaufsraum gewährt den Kunden Einblicke in die Produktion. Im Rahmen von Workshops, Kindergeburtstagen oder Firmenevents haben bis zu 40 Teilnehmer die Möglichkeit, Marzipanfiguren zu formen, Schokoladentafeln zu gießen oder Pralinen herzustellen. Einmal im Monat gibt es außerdem eine öffentliche Führung inklusive Verkostung.

Wyoming: wenn Leidenschaft zum Beruf wird

Great American West_Meeteetse-Chocolate_WY_© 2015 Jeff Johnson Soul Images Gallery

Gourmet-Schokolade im Cowboy-State Wyoming? Unbedingt! Im 330-Seelen-Dorf Meeteetse produziert Tim Kellogg, Gründer von „Meeteetse Chocolatier“, über 40 Sorten Trüffel-Pralinen und Tafelschokoladen. Einflüsse aus aller Welt und lokale Leckereien wie Huckleberries (Heidelbeeren) oder Wyoming Whiskey inspirieren ihn jedes Jahr zu neuen Kreationen. Die Schoko-Leidenschaft des Amateur-Rodeo-Teilnehmers begann in der Studienzeit. Vom Verkauf seiner ersten Pralinen auf Jahrmärkten in Wyoming leistete sich Tim einen neuen Sattel. Später holte er sich bei Reisen und Patisserie-Kursen in Paris und London den letzten Feinschliff und machte sein schokoladiges Hobby zum Beruf. Inzwischen verkauft er auch online und im neuen Shop im schicken Jackson. Das urige Geschäft in Meeteetse liegt nur eine halbe Stunde südlich von Cody, dem östlichen Tor zum Yellowstone-Nationalpark – ein kleiner „süßer“ Umweg lohnt sich also.

Südsteiermark: faire, handgeschöpfte Kürbisschokolade

Chocolatier Josef Zotter © Zotter Schokoladen Atelier Jungwirth Christian Jungwirth

Unweit der südsteirischen Stadt Leibnitz entfernt, liegt das 1999 gegründete Familienunternehmen Zotter Schokolade mit seinen 200 Mitarbeitern. Seit 2006 wird hier als europaweit erster Produzent ausschließlich biologisch und fair produzierte, handgeschöpfte Schokolade von der Kakaobohne zur Tafel hergestellt. Jährlich werden aus rund 600 Tonnen Schokolade über 500 verschiedene Sorten und Produkte hergestellt, darunter auch mit typischen, regionalen Aromen wie Maroni, Kürbiskern oder Zirbel. Als Mitglied in der World Fair Trade Organization sind Zotters süße Leckereien neben Gourmetläden und Supermärkten auch in Bio- und Weltläden erhältlich. Zur Unternehmensphilosophie gehört auch die enge Beziehung mit den Lieferanten – so besuchte zuletzt Tochter Julia Zotter im Sommer 2019 Belize, Guatemala und Peru, um die Kakaobauern vor Ort zu treffen. Die Schokoladenfabrik ist durch die eigene Photovoltaikanlage, einem Dampfkraftwerk sowie die Nutzung von Erdwärme zu 60 Prozent energieautark. Jährlich besuchen rund 150.000 Naschkatzen die Zotter Erlebniswelt in Riegersburg für eine Verkostungstour mit Einblick in die gläserne Manufaktur.

Toulouse: lila Schokolade ohne berühmte Kuh

Toulouse trägt eigentlich den Beinamen „rosafarbene Stadt“. Wenn es um Schokolade geht, kommt hingegen die Farbe Violett ins Spiel: In der südwestfranzösischen Stadt werden seit 1854 Veilchen im großen Stile kultiviert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schickte Toulouse jedes Jahr etwa 600.000 Veilchen-Sträuße in alle Ecken Europas. Nach einem besonders harten Winter verschwanden die duftenden Blumen 1964 aus der Stadt, werden aber seit 35 Jahren dank einer Initiative wiederbelebt. Zur Blütezeit von September bis April weht der Duft von Veilchen durch Toulouse. Lokale Handwerker wie die berühmte Manufaktur „La Compagnie du Chocolat“ fertigen Schokolade und Pralinen mit kandierten Veilchen, Veilchenextrakt oder sogar Veilchenlikör an.

World of Wine: wo Portwein auf Schokolade trifft

The Chocolate Story (c) HILODI – World of Wine

Portwein und Schokolade sind wie füreinander geschaffen. So lädt die neue World of Wine (WOW) in Porto seine Besucher neben sechs Erlebnissen rund um die portugiesische Kultur auch in das Museum The Chocolate Story ein. Dort gewinnen Naschkatzen nicht nur einen spannenden Einblick in die wunderbare Welt der Schokolade, sondern es wird seit November 2020 mit Vinte Vinte auch eine eigene Schokoladenmarke hergestellt. Meisterchocolatier Pedro Araújo reiste extra einmal um den Kakaogürtel (20 Grad nördlich und südlich des Äquators), um die besten Bohnen und die perfekte Rezeptur dafür zu finden. In der gläsernen Manufaktur können Besucher die Produktion von der Bohne zur Tafel verfolgen oder an einem Pairing-Workshops inklusive Verkostung von Wein und Schokolade teilnehmen. Das Sortiment von Vinte Vinte umfasst 25 Produkte wie Tafelschokolade, Pralinen, Trüffel, Kakaonibs oder Kakaopulver. Erst kürzlich gewann die Marke vier Awards bei den renommierten Academy of Chocolate Awards 2021 in London.

Monaco: Fürstlicher Schokoladengenuss

Schokoladenspezialitäten aus Monaco (c) Chocolaterie de Monaco

Wer fürstlich naschen möchte, ist bei der „Chocolaterie de Monaco“ im gleichnamigen Stadtstaat an der richtigen Adresse. Die kleine Manufaktur in der Altstadt Monacos, gleich neben dem Lycée Albert I gelegen, gibt es bereits seit 1920. Herzstück des Sortiments sind die Couronnes Monegasques, hübsch anzusehende Schokopralinen in Form der monegassischen Krone. Als offizieller Hoflieferant des monegassischen Fürstenpalastes stehen viele der Schokoladenkreationen zudem im Zeichen der Grimaldi-Familie. So gibt es beispielsweise eine Twin Box, die den Zwillingen von Fürst Albert II. von Monaco, Gabriella und Jacques, gewidmet ist oder Mini Kelly, eine rosafarbene Pralinenschachtel im Gedenken an die einstige Landesmutter Fürstin Grazia Patricia. Wer nicht auf die nächste Monaco-Reise warten möchten, um in den Genuss der fürstlichen Schokolade zu kommen, der kann die süßen Köstlichkeiten auch bequem online bestellen.

North Carolina: schokoladiger Musikgenuss mit den Carolina Chocolate Drops

NC Bluegrass Music

Die Carolina Chocolate Drops sind eine US-amerikanische Old-Time-Band aus North Carolina. Old-Time-Musik bezeichnet eine Musikrichtung der nordamerikanischen Folkmusik und ist die Grundlage der Country-Musik. Das gemeinsame Interesse der Dreimannband für die Wurzeln der Country- und Rockmusik führte dazu, dass sie die Carolina Chocolate Drops gründeten. Sie spielten vor allem Musik im Stil der Old-Time-Music der 20er- und 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Carolina Chocolate Drops bekamen 2010 einen Plattenvertrag und nahmen vier Alben auf. Bei den Grammy Awards 2011 gewannen sie mit dem Album „Genuine Negro Jig“ die Auszeichnung für das beste traditionelle Folkalbum des Jahres. Das Nachfolgealbum „Leaving Eden“ war 2013 ebenfalls für einen Grammy in der Kategorie „Bestes Folkalbum“ nominiert.

Wäre es nicht schön, wenn man auch fürs Schokoladenessen einen Preis gewinnen würde?

Startfoto: Liebenzeller Marzipan- und Schokoladenmanufaktur (c) Sophia Rossmanith