Sterneradeln in und um das Künstlerdorf Worpswede

Strömender Regen begleitete uns bei der Fahrt von Hamburg nach Worpswede und eine unangekündigte Umleitung nach der Autobahnabfahrt stimmte uns auch nicht fröhlicher. Die Aussichten auf die geplanten Radtouren schienen angesichts der Wettervorhersagen reichlich ungewiß. Nun ja, Radfahren ist ein Freiluftsport und man kann nicht immer mit strahlendem Sonnenschein rechnen. Zudem hatten wir Worpswede als Ausgangspunkt dieser 4-Tage-Tour gewählt, weil wir dieses berühmte Künstlerdorf für uns entdecken wollten. Radfahren und Kultur ist ohnehin eine Kombination, die nicht nur von uns gerne gewählt wird. Auch viele Touren der Radreise-Spezialisten haben diese Variation im Programm.

Nach der etwas nervigen und durch die Umleitung bedingten fast 2-stündigen Autofahrt kamen wir gegen Mittag in dem von uns gebuchten 4-Sterne-Hotel „Worpsweder Tor“ an. Wie in anderen Hotels wollten wir vor dem Einchecken nur das Auto in die gebuchte Garage und die Räder im vorher abgesprochenen Schuppen abstellen. Beides war nicht möglich. Der Empfang war nicht besetzt und es gab nur einen überdachten Abstellplatz für 4-5 Fahrräder, der bereits mit den Leihrädern des Hotels komplett vollgestellt war.

Da beim Hotel auch keine anderen Parkplätze verfügbar waren, wichen wir auf einen öffentlichen Parkplatz aus, nahmen unsere Schirme und marschierten in das nächste Café in der Stadt. Denn auch hier bot das Hotel keinen Service – nur Abendkarte.

Nachdem wir uns gestärkt hatten und feststellten, dass der Regen etwas nachgelassen hatte, entschieden wir uns für eine erste kulturelle Tour. Dem Café gegenüber lag die Worpsweder Kunsthalle. Zum Preis von 15.- Euro erwarben wir ein Kombiticket für 3 weitere Museen, die „Große Kunstschau“, den „Barkenhoff“ und „Haus im Schluh“.

worpswede-2-grosse-kunstschau-1

„Die Künstlerkolonie Worpswede ist eine 1889 gegründete Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Künstlern in der Gemeinde Worpswede in Niedersachsen, gelegen im Teufelsmoor, 18 Kilometer nordöstlich von Bremen. Worpswede wurde dadurch zur Heimat bedeutender Künstler des Jugendstils, Impressionismus und Expressionismus. Zur „Stadtflucht“ der Künstler führten neben dem Interesse für Licht, den ländlichen Motiven oder den markanten Landschaften auch romantische Sehnsüchte nach bäuerlicher Idylle und nach einem einfachen, naturnahen Leben.“ (Quelle Wikipedia).

Die bekanntesten Künstler waren Fritz Mackensen, Hans am Ende, Otto Modersohn, Fritz Overbeck, Heinrich Vogeler und Paula Becker. Vor allem Heinrich Vogeler hat mit dem Kauf des Barkenhoff, den er im Jugenstil umbaute, einen Mittelpunkt für die Worpsweder Künstlerbewegung geschaffen.

Wir schauen uns die Werke in der Worpsweder Kunsthalle an und machen uns noch auf den Weg zum „Haus im Schluh“, das wir endlich über einen völlig aufgeweichten Sandweg erreichen. „Schluh“ bedeutet „Sumpf“, wirklich passend. Martha Vogeler lebte dort nach der Trennung von Heinrich Vogeler. Das Anwesen ist ein niedersächsiches Reetdachhaus, das als kleine Pension diente und eine Handweberei beherbergte.

Dann machen wir uns auf den Rückweg durch den Ortskern uns spüren, wie ganz Worpswede seinen Ruf als Künstlerdorf lebt. Denn neben den 4 großen Museen trifft man auf eine ganze Reihe weiterer Kunststätten wie der Galerie Altes Rathaus, Museum Modersohn-Haus und weiteren privaten Galerien.

Beim Einchecken im Hotel müssen wir leider nochmals etwas massiv werden, damit wir neben dem Auto auch unsere Räder in der Garage abstellen können. Der Hausmeister ist uns dann letztendlich behilflich. Unsere Juniorsuite ist soweit in Ordnung, liegt ab leider zur stark befahreren Findorffstraße. Offenes Fenster vor allem in den Morgenstunden reißt uns aus dem Schlaf. Am Abend im Restaurant werden wir dann allerdings sehr angenehm überrascht. Das Menue ist ausgesprochen gut. Das Hotel Worpsweder Tor, das sich auch als Radlerhotel angeboten hatte, ist nicht wirklich auf die Bedürfnisse von Radfahrern eingerichtet gewesen. Die Ausrichtung ist mehr auf Gruppen ausgelegt, die z.B. wie bei unserem Besuch zwei größere Gesellschaften, die Malkurse absolvierten.

Am nächsten Morgen hatte sich der Regen dann doch verzogen, so dass wir zu unserer ersten Radtour starten konnten. Bei der Touristinformation holten wir uns noch einen Flyer, der 6 Routen verschiedener Länge beschrieb und eine Übersichtskarte bot. Die 6 Touren sind in der Landfschaft deutlich gekennzeichnet und haben eine Länge von 12 bis 45 Kilometer. Man kann also auch kleinere Touren mit der Familie – selbst mit Kleinkindern – machen. Die Landschaft ist sozusagen „topfeben“, so dass keine große Anstrengung nötig ist. Wir folgten diesen Vorschlägen nur bedingt, da wir unseren eigenen Streckenverlauf festgelegt hatten.

Durch das Teufelsmoor

Von unserem Hotel geht es zunächst nach „Neu Helgoland“, einem beliebten Ausgangspunkt ins Teufelsmoor. Von Neu Helgoland aus starten auch die Bootstouren auf der „Hamme“.  Am frühen Morgen passieren wir die Brücke allerdings noch ohne andere Besucher und folgen dem Radweg durch die Hammewiesen bis Wulfsburg, schwenken nach Westen und kommen nördlich Osterholz-Scharmbeck bei Myhle auf den Weg westlich am Teufelsmoor entlang. Wir radeln durch Wiesen mit dem typischen Wollgras am Wegesrand und passieren kleinere und größere Wasserflächen. Beeindruckend die „Große Breite“. Nur vereinzelt sehen wir Rinder auf abgegrenzten Flächen. Ansonsten umfängt uns eine himmlische Ruhe und ein weiter Blick über die flache Landschaft.

teufelsmoor-12-wollgras

In Ströhe machen wir Halt bei der Museumsanlage Moorkate, ein echtes Kleinod der Gemeinde Hambergen. Wir schlendern zwischen historischen Gebäuden und schauen uns die alten Maschinen und Alltagsgegenstände an, die während der Moorbesiedlung benutzt wurden. Ein informativer Abstecher und vom Heimatverein Ströhe-Spredding e.V. sehr gepflegt.

Weiter geht es über Vollersode mitten durchs Teufelsmoor bis nach Meinershagen und zur Findorffsiedlung am Oste-Hamme-Kanal, der Teufelsmoor-Region Gnarrenburg. Da sich die ersten Regenwolken am Himmel zeigen, verzichten wir auf den Abstecher nach Gnarrenburg, wo wir eigentlich noch das Glasmuseum besuchen wollten und radeln nach Süden über Ostersode Hüttenbusch nach Neu Sankt Jürgen, wo ebenfalls eine kleine, aber unscheinbare Museumsanlage liegt.

Von hier ist es nur noch eine Strecke von wenigen Kilometern zurück nach Worpswede.

Da sich die Regenwolken wieder verzogen hatten, machten wir uns nach einer Pause im Hotel auf zu dem nächsten Museumsbesuch im Rahmen unserer Kombikarte, dem Barkenhoff. Dieses Museeum ist schon allein durch seine äußere Architektur und seine Lage mitten im Wald einen Besuch wert. Überrascht haben uns dort außerdem die Informationen, dass Heinrich Vogeler sich äußerst vielseitig vor allem auch als Architekt und Erfinder betätigt hat. Nicht immer reichte das Geld aus dem Kunstschaffen, um im durchaus anspruchsvollen Stil leben zu können.
Unter einem Apfelbaum bekommen wir eine große Kanne Tee im Garten des Barkenhoff und lassen dort den Nachmittag ausklingen.


Die Wümme-Tour

Wie schon öfters wurden wir für die Wümme-Tour durch eine Sendung der NDR-Landpartie mit Heike Götz angeregt und planten diesen Abstecher für den zweiten Tag. Wiederum früh morgens brechen wir auf, radeln um den Weyerberg herum und ins ebenso flache Sankt Jügensland hinein. Im Gegensatz zum Teufelsmoor führt der Weg hier durch Aleen mit altem Baumbestand und an repräsentativen Bauernhöfen vorbei. Über Waakhausen und Moorhausen kommen wir zur gotischen Sankt Jürgen Kirche, ein Anwesen mitten im „Niemandsland“ mit Kirche und Pfarrei im Fachwerkhausstil. Anschauen können wir das alles leider nur von außen.

Weiter geht es nach Höftdeich an die Wümme. Im Garten der dortigen Gaststätte haben wir einen ersten Blick auf die Wümme und kommen mit einem Pärchen ins Gespräch, das hier ebenfalls eine Rast eingelegt hat. Sie kommen aus der Ruhrgebiet und der Mann ist die Strecke bis hier an die Wümme in 3 Etappen mit jeweils rund 100 Kilometer Tagesleistung geradelt. Nun geht es für die beiden gemeinsam mit Partnerin jedoch gemütlicher weiter.

Wir radeln den Wümme-Radweg entlang und müssen feststellen, dass wir vom Fluss erstmal so gut wie nichts mehr sehen. Der Radweg führt am Deich entlang und selbst bei kleinen Stopps, bei denen wir hinaufklettern, um zum Fluß zu schauen, wird der Blick verdeckt durch hohe Schilfwiesen davor. Erst bei Gehrden öffnet sich die Landschaft ebenfalls an einer Gaststätte und wir beobachten staunend, dass ein normales Ruderboot ablegt und auf der gegenüberliegenden Seite zwei Radfahrer aufnimmt und über die Brücke schippert.

An der Wümme entlang geht es bis Lilienthal, wo wir die Klosterkirche anschauen und direkt von dort auf den Radweg an der Wörpe entlang Richtung Trupermoor und Grasberg radeln. Diesen Anschnitt der Tour, finden wir, ist die schönste Strecke. Vorn Graberg aus geht es auf dem Kirchdamm entlang nach Worpswede zurück.

Auch diese zweite Tour ist gut 50 Kilometer lang, aber ohne große Kraftanstrengung zu bewältigen.

Die Große Kunstschau

Den künstlerischen Mittelpunkt in Worpswede bildet die Große Kunstschau. Dem Internet entnehmen wir auf unserem Smartphone:

worpswede-2-grosse-kunstschau-3

„Die Große Kunstschau ist mit einer Dauerausstellung Heimat der berühmtesten Gemälde der ersten Worpsweder Malergeneration und das Herzstück des architektonisch bedeutenden Hoetger-Ensembles. Dieses einmalige Baukunstwerk des norddeutschen Expressionismus wird ergänzt durch den sanierten, modernsten Museumsbau Worpswedes, der aus dem ehemaligen Roselius-Museum entstand und Raum für wechselnde Ausstellungen aktueller und zeitgenössischer Kunst bietet.

Im historischen Hoetger-Bau werden in der Dauerausstellung Werke der ersten Worpsweder Malergeneration von Heinrich Vogeler, Otto Modersohn, Paula Modersohn-Becker, Ottilie Reylaender, Hans am Ende, Fritz Overbeck, Fritz Mackensen und Carl Vinnen gezeigt. Ergänzt wird die Präsentation durch plastische Arbeiten von Bernhard Hoetger.

Die Räume im modernen Anbau bieten mit über 500 m2 genügend Platz für wechselnde Sonderausstellungen. Gezeigt werden Bestandspräsentationen aus der Sammlung der Kulturstiftung Landkreis Osterholz bis hin zu zeitgenössischer Kunst.

Angeschlossen ist das Kaffee Worpswede, ebenfalls ein Bau von Bernhard Hoetger, das im originalgetreu erhaltenen Ambiente kreative Gaumenfreuden bietet.“

Besser kann man es nicht ausdrücken.


Am späten Nachmittag spazieren wir von unserem Hotel aus zum alten Ortskern von Worpswede und machen auch noch einen Abstecher hinauf zur Zionskirche, die in der Mitte des Friedhofs liegt. An der Kirchenwand hängt ein 4,30 x 2,85 m großes Bild mit dem Titel „Gottesdienst im Freien“ von Fritz Mackensen, stellvertretend für die ersten, erfolgreichen Worpsweder Maler. Da es keinen geeigneten Raum gab, musste Mackensen das Bild im Freien malen. Das Original ist im Historischen Museum in Hannover zu sehen.

Tour 3 – Quer durch das Teufelsmoor

Für den letzten Tag haben wir uns vorgenommen, quer durch das Teufelsmoor hindurch zu radeln. Dazu geht es zunächst nochmals nach Neu Helgoland. Und da wir heute etwas später dran sind und Wochenende ist, hat sich die Stelle mit viel Leben gefüllt. Busse sind angekommen und der dortige Campingplatz wird von Autos angesteuert. Boote liegen am Anleger und warten auf Gäste. Wir kurven durch die Besucher hindurch und sind nach 200 Metern von allem Trubel befreit.

teufelsmoor11-neu-helgoland

Wir radeln bis Wulfsburg, dann nach rechts und an der Hammebrücke Richtung Norden. Machen noch einen Abstecher nach Westen über Bornreihe und radeln zurück über Friedensheim bis Hüttendorf. An der Brücke über die Hamme machen wir einen Halt. Es gibt Schilder, die einen Campingplatz für Kanuten ausweisen. Bei Wüsteweide führt ein Radweg abseits der Hauptverkehrsstraße bis nach Worpswede zurück. Das sind nur knapp 30 Kilometer gewesen, hat uns aber nochmals einen intensiveren Eindruck des Teufelsmmors verschafft.


Kunst und Radfahren – in Worpswede geht das gefühlt nicht so richtig zusammen. Die Besucher der Stadt, die mit Bussen angekarrt werden, sind eine völlig andere soziale Gruppierung. Auch im Hotel werden wir von den anderen Gästen angesichts unseres Radlerdresses schon beim Frühstück leicht komisch angeblickt.

(Fotos: © Hans-Raimund Kinkel)