Eine Reportage im NDR am 24.4.2017 über die Situation für Radfahrer im Straßenverkehr in Deutschland am Beispiel von Osnabrück und Oldenburg sowie Hamburg hat viel Resonanz ausgelöst. In dem Beitrag wurde vor allem das dänische Radkonzept von Kopenhagen als beispielhaft hervorgehoben. Die Einstellung dort konzentriert sich im Grundsatz zunächst darauf, ausschließlich die Belange des Radfahrers zu betrachten, was dort aber nicht dazu führt, dass andere Verkehrsteilnehmer benachteiligt werden, sondern nach singulären Lösungen nur für den Radverkehr zu suchen. So konnten z.B. für Radtrassen eigene Brücken gebaut werden.

Für eine wirkliche Lösung, die Veränderungen im Straßenverkehr durch den steigenden Radverkehr einvernehmlich zu regeln, braucht es bei uns in Deutschland offensichtlich noch viel Zeit, und mehr Kreativität wäre auch gut. Das bisherige Herumexperimentieren ist für alle Teilnehmer nervig. Solange die Politik dem Autoverkehr nach wie vor auch in den Städten Priorität einräumt, wird es aus Platzgründen keine gute Lösung geben.

Die Fahrradstreifen auf der Straße und – abgesehen von der Enge zum fließenden Verkehr – die damit teilweise verbundenen Abbiegesituationen nach links, wobei man den Hauptverkehrsfluss queren muss, kann man beim besten Willen nicht als zukunftsweisende Lösung sehen. Die Gefährlichkeit durch rechtsabbiegende Autos und LKW ist schon hinreichend diskutiert worden.

 

Was wir in dem Beitrag vermisst haben, waren Beispiele aus Holland, einer unserer Meinung nach landesweit noch intensiveren Radnation als Dänemark. Auf einer Radreise mit der Landpartie haben wir letztes Jahr das holländische Konzept sehr genau erleben können. Über die Radtour selbst haben wir in 5 Reportagen in unserer Rubrik „Radreisen“ berichtet.

Gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer und andere Mentalität

 

Die heutige Verkehrssituation in Holland ist das Ergebnis eines bereits in den 80iger Jahren begonnenen Umdenkens und konsequentem Verfolgen der Konzeption, dass Fußgänger, Fahrradfahrer und Autofahrer gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer sind. Es wurden vor allem klare, übersichtliche Regelungen geschaffen, an die sich jeder zu halten hat. Wer dies als Radfahrer nicht tut, wird dann auch schon mal kräftig von den Autofahrern angegangen. Als Fremder muss man sich daran in Holland erst gewöhnen. Dann aber ist das Konzept ideal, vor allem, weil in den Großstädten – wir waren in Amsterdam, Rotterdam, Alkmar, Breda – unter den Radfahrern und im Verhältnis zu den Fußgängern eine andere Mentalität herrscht.

Ein Freund sagte mir dazu: „Ihr Deutsche nehmt doch sogar einen schweren Unfall in Kauf, nur weil ihr Recht habt, wir weichen aus.“ Jedes Gesetz insistiert ein Recht. Und wir haben zu viele und vor allem unlogische und unübersichtliche Regelungen.

Dieser Mentalitätsunterschied macht es z.B. in Städten wie Amsterdam überhaupt möglich, mit so dichtem Fahrradverkehr zu leben. Beeindruckend, dass es die großen Fahrrad-Parkhäuser gibt und nicht alle Räder wie bei uns kreuz und que vor den Haustüren stehen. Nicht weniger erstaunt waren wir, dass es gesonderte Fahrradstellplätze auf den Fähren in Rotterdam und unterwegs mit einem eigenen Zugangsgate gab.

Die großen Einfallstraßen zu den Stadtzentren waren überwiegend geprägt von klar getrennten Wegen – Fußgänger, Radfahrer, Autoverkehr. Viele Radrouten führten fernab der großen Straßen idyllisch über Land. Aber aufgepasst: Diese Radwege dürfen auch Mopeds und Roller benutzen. Und die sind schnell, also Rechtsfahrgebot unbedingt beachten.

Die Lösung außerhalb der Städte

 

Was uns aber in Holland am meisten beeindruckt hat, sind die Lösungen außerhalb der Städte, wo es keinen Platz für getrennte Wege gibt. Dort wurde auf Landstraßen, wo es keine parallelen Fahrradwege gibt, nämlich ein wirklich gleichberechtigtes System für Auto und Rad realisiert, indem rechts und links auf der Fahrbahn ausreichend breite Fahrradstreifen markiert wurden. Für Autofahrer steht praktisch nur eine Fahrbahn in der Mitte zur Verfügung. Begegnen und Überholen ist nur möglich, wenn alles frei ist. Ich habe in Holland auf solchen Straßen die Akzeptanz der Autofahrer durch ihre Geduld jedesmal bewundert. Das ist echte Gleichberechtigung auf der Straße und kein Krieg wie bei uns, erfordert allerdings auch, dass man sich als Radfahrer wirklich an die Regeln hält.

In Bezug auf den touristischen Aspekt von Radreisen können diese unterschiedlichen Verkehrskonzepte von gewisser Bedeutung sein, wenn man auch in der Mehrzahl der Touren auf gesonderten Radwegen unterwegs ist.